Über den Verlust der Handschrift

Die Verlernen der eigenen Handschrift ist mehr als ein Verlust – es ist ein Aufgeben einer erlernten Technik, ein Dumm-Machen, ein Rückfall. Man muss zugeben, etwas Erlerntes verlernt und vergessen zu haben. Ist es das, was wir wirklich wollen? 

Handschrift macht unabhängig. Sie gehört immer uns und ist immer bereit, Stift und Papier vorausgesetzt – sogar auf Tablets ließe sie sich pflegen. Sie macht uns unabhängig, weil sie uns ermöglicht, alles zu verwenden, was sich anbietet. Der Verlust der Handschrift geht also noch weiter.

Das Schreiben mit der Hand und damit die Handschrift selbst ist bereits jetzt ein Kulturgut für eine achtsame und höher gebildete Schicht mit Hang zur Ästhetik geworden. Schreibende handgeschriebener Texte entziehen sich ganz bewusst der technischen Reproduzierbarkeit und Weiterverarbeitung als reine akkumulierte Datenmenge.

Technik mag auf den ersten Blick vieles vereinfachen. Jedoch erfordert auch und gerade sie das Erlernen neuer Denkweisen und Handlungen. Und ersetzt damit nicht grundsätzlich etwas Unpraktisches in Praktisches. Das ist der populäre Denkfehler bei der positiven Bewertung von Technik zugunsten von Kulturtechnik. Technik – zumindest in der Art, wie sie heute proklamiert und genutzt wird – macht in zweiter Linie in zahlreichen Punkten weitaus abhängiger als die Handlungen, die sie so selbstbewusst vereinfachen will. Technik bindet nur an bestimmte Gerät und Programme. Bindet an Voraussetzungen wie Strom oder Akkustand, Speicherplatz, Netz und vieles mehr. Sie erschwert damit sogar in vielen Fällen das, was ohne all das wesentlich schnörkelloser ging: Nämlich per Handschrift einfach mit einem beliebigen Stift und auf welchem Papier auch immer etwas festzuhalten.

Das Verlernen und der Verlust der Handschrift geht damit auch nahtlos mit einem Verlernen der Unabhängigkeit und Selbstbestimmung einher. Geräte, Programme, Tools und all das verlangen nämlich etwas Grundlegendes Neues: Daten. Ohne Zugang geht nichts. Wo Handschrift einfach anonym stattfindet, geht das Nutzen von Tools mit Herausgabe von etwas daher – und zwar initial. Die Handschrift aufzugeben, verlangt also zunächst einmal als Grundvoraussetzung Angabe von Daten gleich welcher Art, ob authentisch oder erfunden. Dieser Zwang macht eines: Unmündig. Diese Unmündigkeit tarnt sich als Möglichkeit der Individualisierung, die jedoch ebenfalls lediglich im Rahmen vorgegebener Grundvoraussetzungen stattfindet, die andere vorgeben. 

Unmündig daher auch und vor allem, weil man selbst gezwungen ist, zu denken wie ein Programm und eine Maschine – eine bedeutende Limitierung des Denkens, eine bedeutende Limitierung der Anlagen des Denkens für all jene, die es anders nie kennenlernen dürfen. 

Unmündig, weil es letztlich ohne genau die Geräte und Hilfsmittel nicht mehr geht.

Handschrift war und ist demokratischer als alle Versuche, sie zu ersetzen. Handschrift gibt es in den meisten Ländern der Welt in der Schule kostenlos als grundlegende Kulturtechnik, Sprache zu verschriftlichen und demgemäß anzuwenden. Da sie im Grunde kaum mehr benötigt als einen preisgünstigen Stift und ebenso günstiges Papier, ist die Einstiegshürde, sie auch später im täglichen Leben ganz natürlich anzuwenden, weitaus niedriger als alle denkbaren technologischen Alternativen. 

Der Verlust der Handschrift mag damit mehr sein als einfach nur eine Überwindung vermeintlich veralteter, zeitraubender Tätigkeiten. Wie gut, dass man nahezu überall Papier zum Schreiben findet.

Gedankenzirkus