Über das Glück, Papier zum Schreiben zu finden

Überall findet sich Papier, überall leere Flächen zum Schreiben. i Papiere sind Einladungen zum Verfassen, zum Denken durch und beim Schreiben, das Denken Form werden zu lassen.

So wie dieses Stück Papier. Dabei dienst es lediglich als Zugabe einer Verpackung für ein Ding. Unnütze Vergeudung, könnte man sagen. Es wegwerfen, weil es keine Funktion hat, keinen Sinn. Bis ich es nehme und es als Einladung verstehe. Es nicht  nur zum Schreiben nutze, als Fläche benutze, sondern um dem sonst so achtlos weggeworfenen Ding einen Sinn und eine Bestimmung zu geben.

Innehalten und einfach schreiben, schreibend denken, überhaupt denken, der Zeit entkommen und sich bewusst Zeit nehmen: Tun wir zu selten.

So kommt uns ein unverhofftes Papier zum Schreiben gelegen. Indem ich es beschreibe, lasse ich Gedanken freien Lauf oder ordne sie ohne Anspruch, sie zu ordnen. Indem sie fließen, suchen sie sich wie das Wasser ihren Weg, formen Landschaften, prägen und schaffen sie Struktur. Am Ende kann ich sehen, was dabei herausgekommen ist, sehe die Impulse, die sich ergaben und die möglicherweise verloren geblieben wären, wenn ich sie nicht einfach aufgeschrieben hätte. Ich bemerke Dinge und Tendenzen, Zusammenhänge und Ordnungen, wo ich sie sonst nicht bemerkt hätte, und sind solche Dinge nicht ein Geschenk, das mir das vermeintlich wertlose Blatt eröffnet? Und wenn ich nur dem Treiben und Trubel des Alltages entkommen bin für eine Weile und am Ende auf etwas blicken kann, das sonst nicht da gewesen wäre.

Wenn auch in kleinstem Sinne, mag man Schöpfung dazu sagen.

Was ich zudem gewinne: Zeit vor allem für mich, ein Entkommen aus der permanenten Verstrickung ins lärmende Außen. Das meine Gedanken raubt, meine Gefühle kapert, meinen Verstand frisst und meine Ideen vernichtet, bevor sie sich bilden und entfalten könnten.

Schreiben auf leeren Papierflächen, die sich ergeben heißt: Zeit mit der Welt zu verbringen, wie sie sich mir darstellt, und die ebenso Teil von mir ist wie ich von ihr. Zeit für ein gegenseitiges Wirken ineinander.

Dieses Wirken ist das Gegenteil der Fremdsteuerung, der wir normalerweise unterliegen und die nur auf die ersten Blicke so aussieht, als sei sie von uns selbstbestimmt.

Papier und Stift zum Schreiben sind lediglich Verlängerungen jener Zeit, die wir mit uns allein sind, in physische Objekte. Wir bemerken, spüren, dass wir in der Zeit, in der wir uns Zeit für uns nehmen, die Verbindung, die wir eingegangen sind, und die wir vor lauter Beschäftigung nicht mehr wahrnehmen. 

So sind Papiere Einladungen, uns und unsere Welt besser kennenzulernen und genau die Facetten zu entdecken, auszuleben und zum Empfänger in einer Person zu werden. Kraft schöpfen aus sich selbst heraus – das ist ein Gewinn. Auch, um dem Verlust der Handschrift entgegenzuwirken.

Gedankenzirkus

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