Gedankenzirkus

Vom Zerschellen der Träume – und warum wir erst recht träumen müssen

Das neue Wort für das Zerschellen von Träumen. Obamern. Was böse klingt, beschreibt eine Gefahr: Stets sind es Hoffnungen, Visionen und große Ideen, die Menschen faszinieren, gar mobilisieren. Sie setzen gesellschaftliche Kräfte frei, die größer sind als man selbst und die einem kollektiven Wunsch nach Gemeinsamkeiten entspringen. Sie beschwören den Glauben in Verbesserung, Wiedergeburt, Erneuerung. Vokabeln des Positiven dominieren dann Denken und Diskussionen, nehmen ganze Gruppen und Gesellschaften gefangen. So sehr, dass Zweifel an der Umsetzbarkeit in den Hintergrund treten, wenngleich sie nie ganz ausgemerzt werden.

Dem Taumel folgt die Alltagsmühle. Das, was man hinter sich lassen oder wenigstens optimieren wollte, nimmt Überhand, die Gewöhnung ans Gewohnte setzt ein – und ein depressiver Hang zum Fatalismus. Denn nicht nur empfindet man Enttäuschung, sondern auch Wut. Zuerst auf jene, die vermeintliche Versprechen gaben – und dann auf sich selbst, weil man große Träume zu träumen wagte. Schließlich bereut man seine Träume und Visionen als kindische Episoden, die man hätte vermeiden können, wenn man einfach „ein wenig realistischer“ gewesen wäre.

Das entzieht den Hoffnungen und großen Ideen den Nährboden – und das ist brandgefährlich. Wandelt sich doch damit die Menschheit in einen im wahrsten Sinne hoffnungslosen Haufen, der sich große Ideen aus Angst vor möglichen Enttäuschungen verbietet.

Nur: Wo kommen wir da hin? Eine Aufforderung, seine Hoffnungen und Ideen nicht dem Alltag preiszugeben.

Obama, das Phänomen: Sein Name lud die ganze Welt mit positiver Magie auf. Er vollbrachte etwas, das die Welt schon lang nicht mehr erlebte: Weltumspannende Hoffnung. Hoffnung auf ein Ende der Bush-Ära, auf ein Amerika, das sich wieder mehr international einbindet, auf ein Ende des Konflikts mit dem Islam, auf eine Energiewende, eine Ökowende, eine Finanzwende, eine Wirtschaftswende – Obama stand für die Summe aller Hoffnungen, die die Welt nur haben konnte.

Im Jubel erhielt er gar den Friedensnobelpreis – einzig deshalb, weil es Obama gab.

Jedem war klar, dass diese Hoffnungen unerfüllbar waren. Schon in der Wahlnacht waren alle Kommentatoren bemüht, die Luft abzulassen aus dem Ballon an Sehnsüchten, der da aufgeblasen wurde. Wussten sie doch, wie fatal eine globale Enttäuschung ist.

Wir wollten es nicht hören. Wir nahmen uns alle vor, wenigstens, der Unmöglichkeit des Gelingens eingedenk, einen Teil für möglich zu halten. Bei der Summe gedachter positiver Auswirkungen mussten zwei, drei übrig bleiben. Wenigstens. Hoffentlich.

Der Alltag kam.

Alltag ist nichts Besonderes, sondern nur eine Wiederholung des Gehabten. Alltag ist der kleinste Nenner des Wohlfühlens, der nur durch Abschirmung vor den großen Wünschen glücklich macht. Wünsche an konkrete Personen erzeugen Ungeduld – zudem machen sie es dem Wünschenden einfach, diesen Personen Versagen vorzuwerfen; ein bequemer Prozess, der Verantwortlichkeit abschiebt. Erfüllt der Einzelne die in sich selbst gestellten Hoffnungen nicht, kann er daraus den Elan entwickeln, weiterzumachen, sich durchzubeißen, andere Strategien zur Wunscherfüllung zu entwickeln. Das nennt man Motivation.

Motivation beinhaltet Kontrolle über das eigene Handeln und Denken, die Selbstbestimmung.

Auf eine andere Person lässt sich diese Motivation nicht übertragen. Deshalb scheint hier auch der Reflex der Enttäuschung schneller einzusetzen und auch schneller in den der Wut umzuschlagen. Man wartet auf Input, auf Aktion und Reaktion – und das innerhalb seines eigenen beengten Zeitrahmens, der oft nur eine kurze Zündschnur vorsieht. Oder einfach nicht die Kraft besitzt, sich selbst zu vergrößern.

Obama musste daher enttäuschen. Zumal die erste Berechtigung zur Hoffnung sofort die auf die nächste erzeugt. Und das endlos. Wer sich stark gibt, ist in der Wahrnehmung sofort schwach, selbst wenn er gar nicht versagt, sondern einfach nur die hoch gesteckten Ziele nicht erfüllt. Halbe Wunscherfüllung ist keine Wunscherfüllung. Und es gibt keine halbe Enttäuschung, sondern nur eine oder keine.

Nun wollen viele von uns gewusst haben, dass die Vision einer friedvollen Welt, die sich auf Menschlichkeit, Miteinander und Fairness sowie Naturbewusstsein stützt, von vornherein schlicht Blödsinn war. Ja, natürlich, es war klar, und eigentlich war der Zustand kollektiver Enttäuschung die einzige logische Konsequenz. Haben wir ja alle gesagt. Zumindest derjenige, der darüber nun schwadroniert.

Optimismus und Hoffnung, das verträgt sich einfach nicht mit dem Lauf der Dinge, schon gar nicht die Ungeduld – schlagen wir also intellektuell die Beine übereinander und lassen unser Umfeld bitteschön wissen, wie sehr wir vor dem immanenten Scheitern Kenntnis hatten. Und dass wir entweder niemals der Vision erlagen oder wenigstens bitter bereuen, ihr erlegen gewesen zu sein. Danken wir daher dem Schicksal, dass es und auf den rechten Pfad der Tugend zurückbrachte.

Hier sind Wünsche und Hoffnungen eben jene Hirngespinste, denen man auf den Leim geht, weil man „halt ein Mensch ist“.

Dagegen kann man eben nicht grundsätzlich etwas machen – wie ärgerlich aber auch! Wenigstens betten wir uns stets aufs Neue auf das Ruhekissen unserer Lebenserfahrung, der wir gern Lebensweisheit unterstellen, ohne eine genaue Ahnung zu haben, was dies bedeuten würde.

Und räumen schulterzuckend ein, dass nobody’s perfect ist.

Hoffnungen und großen Ideen entziehen wir damit Boden und nötigen Raum, wenn wir sie zu leichtfertig als menschliche Schwäche brandmarken. Statt sie als Antrieb anzunehmen und gemeinhin erkennen, dass sie mehr ausmacht als bloße Magie flüchtiger Augenblicke.

Im Kleinreden ist man groß, wenn es um Stärken geht, deren Auswirkungen sich nicht sofort messen lassen.

Mag aber nicht eher die Maßeinheit und die Bemessungsgrundlage die falsche sein?

Es lohnt nicht, ins Melodramatische oder Esoterische abzudriften bei der Beweisführung, dass kollektive Wunschverneinung als erster oder wenigstens zweiter Reflex auf Enttäuschung der ständigen und sofortige Verfügbarkeit gewohnten Menschheit ein Fehler ist.

Denn sie ist schlicht eine falsche Einstellung.

Zu leicht dreht sich der Einzelne um und fügt sich den Um- und Zuständen, denen er bis kürzlich noch zu entkommen hoffte. Zu leicht macht sich der Einzelne der Bequemlichkeit schuldig, selbst Hoffnungen und Ideen abzudelegieren, auf die man kräftig sauer sein kann, wenn mal etwas nicht klappt.

Hoffnungen und Ideen verkommen zu einem Service, den man frei Haus geliefert verlangen darf. Bitte genau nach Bestellung. Wie eine Hose, die ich kaufe oder bestelle, die mir in blau gefällt, aber nicht in schwarz. Die ich in M brauche und nicht in L. Die Lieferung des Falschen ist kein Service, sondern Ärgernis, selbst dann, wenn es beinahe das war, was ich wollte.

Sind Hoffnungen und Ideen also eine Ware geworden? Sind diese Antriebe nur noch Endprodukte einer Lieferkette, an deren Ende niemand sonst steht als ich selbst mit dem Recht als Kunde?

Es wäre die Ausbreitung einer Sedierung durch Bequemlichkeit, weg von Idealen, denen der Einzelne folgen kann. Obama ist hier nur ein Beispiel. Jede politische Gruppe, jedes Lager, jede Einstellung hat ihre eigenen Hoffnungsträger – aber sie treffen sich im Maß ihrer Enttäuschung.

Die einen werden radikal, die anderen frustriert. Die Mehrheit schweigt. Lediglich. Sie hat Ausweichmöglichkeiten in ihren Routinen. Routinen fangen auf: je mehr man hat, umso weicher fällt man. Wie ein Blitzableiter absorbieren sie größere Ausschläge in Unvernunft und bieten ein Tableau zahlloser Zeitvertreibe und vermeintlicher Notwendigkeiten. Es gibt genug, auf das man sich konzentrieren kann. Der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Zufriedenheit und Glück ist der daraus resultierende Zustand, der Bequemlichkeit heißt. Wünschen, hoffen, Ideen haben und sich möglicherweise gar dafür einsetzen, zu ihnen stehen, auch wenn sie sich wegen fehlender sofortiger Verfügbarkeit sich gerade nicht zu lohnen scheinen – das stört nur unseren Alltag. Unsere Abläufe.

Besser in den Keller damit oder auf den Dachboden oder auf den Müll.

So schlummern sie, die Hoffnungen und Ideen, die Wünsche und die Träume – gerade die großen, gerade die vermeintlich unschaffbaren. Gerade jene einer Welt, die besser ist als die jetzige. Die Potenziale hat und Chancen verdient. Die groß sind, weil jeder sie hat. Weil sie sich ähneln. Weil sie das einzig wirklich Gemeinsame aller sind.

So schlummern sie. Ist das nicht seltsam?

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