Vom Scheitern eines geplanten Mordes 2

Zugegeben, es klingt drastisch und ist auch nicht ganz zutreffend: Es ist kein Mord, wenn man beschließt, sein digitales Alter Ego zu töten, mit dem man drei Jahre lang bei Twitter unterwegs war und zuletzt 1035 Follower aus allen Bereichen angehäuft hat.

Die Entscheidung, meine Twitter-Identität Opunktkpunkt aufzugeben, war manchem suspekt, und das zu Recht. Ich, der mich als „Twitter-Junkie“ bezeichnete und zwar nicht immer, sondern in erkennbaren Intervallen, dann aber mit Freude viel über Twitter in die Welt hinausschleuderte, machte plötzlich einen Rückzug – und das auch ohne Vorwarnung oder erkennbaren Grund? Wollte eher einen künstlerischen Kanal schaffen, ein neues Alters Ego erschaffen, das meine Person aus dem Fokus nimmt und sich mehr auf das konzentriert, was mir persönlich wie beruflich wichtig ist: Schreiben – Sprache – Standpunkte?

Was war geschehen?

Und vor allem: Wieso machte ich letztlich vor dem Rückzieher einen Rückzieher und beschloss nach einer Zeit des Zweifelns nun, Opunktkpunkt doch zu erhalten?

Was neumodisch unter „keinen Bock mehr haben“ simplifiziert wird, hat meist mehrere Facetten.

Ein wenig war ich müde von alldem, und auch die Frage nach dem Sinn all dessen darf zwischenzeitlich gestellt werden. In meinem Fall stellte sich die Frage mir von selbst, und ich war mit ihr konfrontiert.

Grundgedanke von Opunktkpunkt war ursprünglich: Dinge besonders auszudrücken. Die Art sollte es sein, die besonders war, die Anlässe nicht zwangsläufig. Ich wollte das Alltägliche, das mich umgab, sprachlich abbilden.

Es ging mir um Mitteilung, nicht um „das Twittern an sich“, ein ohnehin technischer Begriff, der die Inhaltsebene überlagert.

Ich wollte ungebremst sein, Opunktkpunkt sollte in der Tat mein digitales Spiegelbild werden – was aber auch problematisch war.

Zum einen begann ich spätestens ab dem Punkt, an dem ich meine Handyvideos aufnahm und mich mit lustig gemeinten Filmchen ins Netz stellte, mich zu verzetteln – was auch gewisse Follower merkten.

Im Laufe der Zeit stellte sich mir immer mehr die Frage: Kommen die da noch mit? Und was soll das alles?

Doch entscheidender als die Frage der Verwässerung eines wie auch immer gearteten Profils war: Verwässerte ich mich selbst? Begann mein Abbild Opuntkpunkt auf mich persönlich auszustrahlen, so dass ich persönlich mich verwässerte? Eine Umkehrung des gesunden Prinzips.

Opunktkpunkt hatte immer eine klare Linie: Keine zu haben und dadurch persönlich und authentisch zu sein – mit allen Risiken und ohne Kompromisse. Rückschläge waren eingeplant und in Ordnung, wie die schwindende Zahl an Interessenten, als ich es mit meinen Handyvideos übertrieb.

Aber dass meine Person Dinge tat, einzig, weil ich dachte, sie könnten lustig oder interessant sein, einzig, weil ich die technischen Voraussetzungen und ein Publikum hatte, dass ich begann Dinge auszuprobieren, die mir ohne diese Voraussetzungen nie eingefallen wären, machte mich ab einem gewissen Punkt stutzig.

Zudem wollte ich auf meinem Blog seriös und ernst sein – was sich immer schlechter einhalten ließ.

Ich wurde dem Ganzen leicht überdrüssig. Viele Twitter-Bekanntschaften haben sich in den drei Jahren abgemeldet. Manche leise, manche mit einem Blog-Eintrag, Autoren zunehmend, die sich von der ganzen Maschinerie von ihrem Schreiben abgehalten fühlten.

Ein wenig ging das auch mir so. Ich schrieb Filmkritiken – deren Zugriffszahlen prächtig waren, streckenweise gar beeindruckend. Deren Problem: Um relevant zu sein, musste ich sie zeitnah schreiben, oft in Eile, eingequetscht in Zeitpläne. Zum einen mag ich weder Hetzen, zum anderen war ich mit der Qualität nicht immer einverstanden.

Ähnlich ging es auch bei politischen und gesellschaftlichen Themen, weswegen ich mich nur denen widmete, zu denen ich schreiben wollte.

Letztlich fühlte ich mich getrieben, produzieren zu müssen – womit wir beim Kernproblem wären:

Ich wollte nicht produzieren. Als Texter für Unternehmen und Agenturen produziere ich bereits genug. Privat wollte und will ich mir Gedanken machen und diese wiedergeben, ganz abseits von Schnelligkeit und „Content“. Noch so ein technischer Begriff. Content ist der Feind von Text. Content ist das Gegenteil von gedanklicher Erhabenheit. Content produziert man – Texte schreibt und lebt man. Das wollte ich.

Auf Twitter wollte ich unterhalten, aber auch nachdenklich machen. Und natürlich auf meinen Blog verweisen.

Eines Tages waren der Facetten einfach zu viel, weil ich spürte, dass Opunktkpunkt sich nicht nur verselbstständigt hatte, sondern mich auch zu beeinflussen begann. Das wollte ich beenden.

Mein Bedürfnis, mich um Texte zu kümmern, sei es journalistisch oder literarisch, überwog letztlich. Ich bemerkte, wie sich Scheuklappen bei mir neu justierten, meinen Blick verengten. Das bedeutete, dass manche Dinge nicht mehr gehen würden. Um Zeit für die Texte zu bekommen, die ich schreiben wollte und nun auch wieder schreiben will, mussten Themen vom Blog weichen und damit zwangsläufig aus meinem Twitter-Leben.

Sämtliche Handyvideos flogen raus, den ganzen YouTube-Channel machte ich nieder. Nicht, dass ich nicht zu dem stehe, was ich gemacht habe – ich finde die Videos selbst übrigens witzig – aber es passte einfach nicht in das Konzept des Blogs. Sie passten übrigens nie.

Und die Filmkritiken waren mir ein zu großer Zeitfresser. So entfernte ich auch sie, um das Profil des Blogs erheblich zu schärfen.

Blieb noch Twitter.

Da Opunktkpunkt nie der Name meines Blogs war, ich aber merkte, dass die Follower mir beide Rollen gleichzeitig nicht abnahmen, entschied ich mich: Opunktkpunkt hört auf. Und zwei getrennte Kanäle: Das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich wollte einfach nicht. Wenn ich mich schon konzentrieren möchte, dann richtig, und der Faden Opunktkpunkt, den ich abschneiden wollte, war inzwischen schenkeldick.

Ich hatte für mich relevante Follower bei Opunktkpunkt verloren, die ich aber unbedingt gewinnen wollte und will – weswegen ich den anderen Twitter-Account ins Leben rief. Hier musste ich mich beschränken.

Mehrmals kreiste der Mauszeiger über dem Löschen-Button. Immer wieder zuckte ich zurück – damit hatte ich nicht gerechnet.

Im Laufe der Zeit erkannte ich in der Tat, wie sehr ich Opunktkpunkt liebgewonnen hatte. Denn Opunktkpunkt war und bin in der Tat ich, und zwar die ganze Zeit! Ihn zu löschen und zu verdammen, erschien mir auf einmal wie ein Akt der Selbstverleugnung, und das kommt nicht in Frage.

Ich möchte mitteilen, was mich umgibt und mich bewegt, ich möchte Privates erzählen, ich möchte lachen, maulen, mich empören. Als Opunktkpunkt meine Ausflüge in Videos und Filmkritiken, in unbedachte Tweets und dummes Zeug begleitete, tat er das aus einem bestimmten Grund: Opunktkpunkt war wirklich mein Spiegelbild. Er zeigte einfach alles, wie ich es immer geplant hatte.

Dass ich mich verzettelte und Dinge unternahm, die ich nun nicht mehr machen möchte, lag nicht an einer verselbstständigten Twitter-Persönlichkeit, sondern lediglich an mir als echte und konkrete Person. Opunktkpunkt protokollierte all dies lediglich.

Und entsprach damit genau dem, weswegen ich ihn ins Leben gerufen hatte!

 Opunktpunkt war keine „Twitter-Identität“ wie eine Maske oder eine Rolle. Das war ich. Direkt und unmittelbar. Dass dies über 1000 Leute dazu bewogen hat, das zu lesen, gab mir zu denken.

Nun ist der Blog entrümpelt, ich fokussiere mich beruflich und privat wieder – aber auf Dinge, die mich ausmachen, so einfach ist das. Daran ändert Opunktkpunkt nichts, wie er auch nichts verhindert oder begünstigt.

Als ich nun erneut Opunktkpunkt ins digitale Nirwana löschen wollte, und ich zum wiederholten Mal nicht konnte, was ich tun wollte, wurde mir bewusst: Ich kann das nicht. Ich will das nicht. Wenn ich schon Dinge korrigieren musste, so war Opunktkpunkt immer richtig.

Ich merkte auch, dass ich auf Dauer keine Lust hatte, lediglich nur seriös und „kulturell vielleicht gewinnbringend“ zu sein. Ich wollte wieder loslegen. Und dazu brauche ich meinen Opunktkpunkt.  Deshalb machte ich vor dem Rückzieher einen Rückzieher. Es ist ein Erkenntnisgewinn, ein höchst eigener und persönlicher, den andere nicht verstehen müssen.

Fortan fahre ich also doch zweigleisig. Auf seriös hier, authentisch und streckenweise auch krawallig da.

Und so war und ist Opunktkpunkt auch diesmal der Protokollant meines Handelns und Denkens. In diesem Falle meines Zweifelns und dem Infragestellen.

In diesem Sinne: Verdammich, weiter geht’s!

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2 thoughts on “Vom Scheitern eines geplanten Mordes

  1. Reply Oliver Koch Mai 11, 2012 07:39

    Hallo, das freut mich, vielen Dank :-)

  2. Reply Martina Roters Mai 5, 2012 23:23

    Ich habe hier heute das erste Mal herumgestöbert – und war von Twitter gekommen. Richtige Entscheidung! Finde ich.

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