Die muffige Kassiererin, die höchstens den zu zahlenden Betrag murmeln kann, ist längst ein Mythos vergangener Tage – inzwischen verwickeln sie die Kunden beim Bezahlen vielmehr in Kassengespräche, ob die nun wollen oder nicht. Fragenkataloge nach Treuepunkten, Kundenkarten und allerlei Absurditäten machen’s nötig.
Das war’s dann wohl mit der Ruhe beim Bezahlen. Vorbei die Zeiten, in denen ich mich als Kunde wortlos durch die Bezahlriten an den Supermarktkassen murren und mir sicher sein konnte, ungesehen, unerkannt und unangesprochen meines Weges gehen zu können. Für schüchterne Menschen und solche mit Sozialphobie sind Kassen seit Jahren vielmehr ein reines Martyrium. Denn die Kassiererinnen und Kassierer in Supermärkten, aber auch Baumärkten und Warenhäusern sind in den letzten Jahren zu einem Ort reger Geschwätzigkeit geworden. Mehr noch: Ständig muss man Antworten geben, manchmal gar Dinge abweisen und sich dafür noch erklären.
„Sammeln Sie Treuepunkte?“
Frage Nummer 1 an den Kassen: „Sammeln Sie Treuepunkte?“
Was mich einst beim ersten Hören an rührselige Reminiszenzen an die guten alten Rabattmarken erinnerte, die es gegeben hatte, als ich noch nicht auf der Welt war, ist inzwischen die normalste Frage der Welt – auf die ich immer und überall die gleiche Antwort habe: Nein.
Eine Frage, die den Märkten wichtiger zu sein scheint als einem selbst, denn sie wird wiederholt, wenn man nicht darauf antwortet.
Wer „Ja“ sagt, tritt mitunter durch eine Tür in eine weitere Gesprächsebene – neue Aktionen, neue Angebote, neue ganz besonders exklusive Vorteile. Da werden Klebemärkchen gezählt und gerupft, auf dass ich sie daheim in ein Treueheftchen klebe. Am Ende, so heißt es schließlich, warten besondere Vorteile auf mich. Natürlich exklusiv. Töpfe und Pfannen zu Beispiel oder Glassets.
Als ich vor Jahren an einer Tankstelle zahlte und nach Treuepunkten gefragt wurde, antwortete ich noch scherzhaft, was denn die Belohnung sei: Für jeden getankten Liter einen kümmerlichen Punkt erhaltend, könne ich mich nach 1000 dieser Punkte etwa über einen aufblasbaren Strandball mit Tankstellenlogo freuen? Bei der Antwort, dass ich mich wundern würde, wie „sehr die der Renner“ seien, war ich zugegeben sprachlos.
Mir selbst wurde ein Bademantel geschenkt, der sich nach soundsoviel eingeklebten Märkchen nach soundsoviel Litern Sprit bei einer Tankstellenkette ergab.
Ein Erfolg, offenbar: In diversen Badezimmern verschiedener Gastgeber, bei denen ich jahrelang darauf zu Gast war, hing einer am Haken.
„Haben Sie eine Kundenkarte?“
Die nächste Frage, so unvermeidlich wie die Abenddämmerung: „Haben Sie eine Kundenkarte?“ Je nach Markt heißt sie auch „Payback?“
Die Kundenkarte ist besonders perfide, sammelt sie doch die Daten der eigenen Einkäufe: Waren, Uhrzeit, Warenwert. Das kann man mögen, muss man aber nicht – gepusht unter dem resultierenden Sparvorteil sind sie doch nichts weiter als Datenkraken, die sich zwei Mechanismen zu Nutze machen: Den der Bequemlichkeit und den der Gier.
Die Jagd nach Vergünstigungen mag jeder für sich vor sich selbst als Preisbewusstsein rechtfertigen und mit der Gegenfrage kontern „Soll ich denen denn was schenken?“ Rein materialistisch betrachtet mag diese Überlegung vordergründig noch einleuchten, obwohl sie dennoch dummes Zeug ist, doch wenn man seine Daten als den Wert betrachtet, den man den Unternehmen mit ihrer Bereitstellung schenkt, verpufft die Logik vollends. Aber immerhin ist es ja so bequem: Keine Marken, kein Einkleben. Einfach nur abgeben, über einen Scanner ziehen lassen, fertig. Das Schenken meiner Daten unter dem Deckmantel der Bequemlichkeit – wirklich praktisch.
Unter anderem aus diesem Grund heißt auch hier meine Antwort folgerichtig Nein.
„Es gibt die Aktion mit den Murmeln“
Etwas verstört war ich, als ich nach dem Bezahlen in einem Supermarkt unverlangt einige kleine bunte Tütchen in die Hand gedrückt bekam. „Was ist das denn?“ fragte ich entgeistert, um zur Antwort zu erhalten, dass es derzeit „doch schließlich die Aktion mit den Murmeln“ gebe – pro 10 Euro Warenwert erhalte ich gratis eine Murmel automatisch dazu. Die Erklärung erfolgte mit einem auf ein Aktionsplakat ausgestreckten Zeigefinger.
„Brauche ich nicht, danke“, wehrte ich kramend ab.
„Aber für Ihre Kinder vielleicht.“
„Ich habe keine.“
„Aber vielleicht in Ihrer Familie oder Kinder von Freunden.“
„Danke, nein. Ich brauche Sie nicht.“
„Wenn Sie die sammeln, sind sie später vielleicht richtig was wert. Die sind echt der Renner.“
Es bedurfte noch eines Satzes, bis ich endgültig erklärt hatte, dass ich die Murmeln nicht wollte.
Beleg?
Die nächste Gesprächsaufforderung kam prompt, als der unausweichliche Kassenbeleg ausgedruckt worden war. „Beleg?“ wurde ich gefragt.
Da mir beim ersten Mal diese Frage besonders absurd vorkam, musste ich fragen: „Bitte?“
„Möchten Sie Ihren Beleg?“
Warum man mich das fragte, erschloss sich mir nicht. Bislang hatte ich besonders nach Kartenzahlung natürlich den Beleg mitgenommen.
Bis dato war er mir einfach hingelegt worden. Nun sah mich eine Kassiererin an, den Beleg in der Hand, gewillt, ihn erst dann abzugeben, wenn ich ihr antwortete.
Mit einem Mal war aus dem Selbstverständlichsten der Welt eine Dienstleistung geworden, die man mir als Service unterjubeln wollte. Einen, der in zwei Richtungen funktioniert: Antworte ich mit Ja, erhalte ich ihn wie gewünscht. Antworte ich mit Nein, wird er vom Personal in den Mülleimer geworfen – wie gewünscht.
Eine ausweglose Fragestellung, aus der es kein Ablehnen mehr gibt, weil beide Möglichkeiten meinem jeweiligen Wunsch entsprechen.
Wäre ich indes gar nicht gefragt worden, wäre auch das in meinem Sinne gewesen – nicht jedoch in dem der Märkte.
Aber immerhin: Ich habe so etwas wie Gespräche geführt. Man stelle sich vor, was mir entgangen wäre, wenn man mich nicht angesprochen hätte …