Laut Eigenwerbung hat die altehrwürdige Deutsche Grammophon vor über 100 Jahren die Schallplatte erfunden. Erfindet sie jetzt auch das Hörspiel neu?
Deutsche Grammophon ist das bekannteste und renomierteste Label bei Aufnahmen klassischer Musik. Da wundert es schon, dass ein „Hörspiel“, wie das leider zu schmale Booklet verrät, auf dem Markt ist. Wunderlich auch, dass es gerade „Dracula“ ist, der viel verzerrte Stoff um den Vampir, den wir aus Christopher-Lee-Filmen kennen und 1993 erstmals halbwegs authentisch mit Gary Oldman umgesetzt sehen durften.
Zuerst einmal: Ist „Dracula“ ein Hörspiel oder eine Lesung? Eine Lesung hat keine Musik. Eine Lesung wird von EINEM Leser gelesen – „Dracula“ hat aber für jede Figur einen eigenen Sprecher. Ein Hörspiel bietet mannigfaltige Geräusche und setzt massiv Musik zur Wirkung ein – ein Hörspiel ist umgesetzt wie Kino ohne Bild. Beide Kriterien erfüllt „Dracula“ nicht.
Der Begriff „szenische Lesung“ dürfte der Umsetzung am ehesten Rechnung tragen. Sparsame Musik, sorgsam eingesetzte Geräuscheffekte, die lediglich an bestimmten Zeitpunkten zu hören sind deuten daher auf eine szenische Lesung.
„Dracula“ ist ein echter Hammer: 5 CDs und mit 6 Stunden und 12 Minuten verlangen dem Hörer Geduld und Zeit ab. „Schattensaiten“ oder „Geisterjäger John Sinclair“ kommen kaum auf eine Stunde pro Hörspiel. Außerdem orientiert sich die Bearbeitung an der deutschen Erstübersetzung von 1908 – das heißt: veraltetes Deutsch in Reinkultur. Allein schon um diesem Deutsch zu folgen ist Konzentration nötig. Schließlich ist „Dracula“ ein Briefroman. Die Handlung ist im Roman in monologischen Briefen abgefasst, als würde der Hörer Briefe realer Personen hören. Für den Film ist dies sicher untauglich. Nicht jedoch für die szenische Lesung.
Allein schon, weil Deutsche Grammophon sich an die spachlich verstaubte Originalvorlage traut und über 6 Stunden Laufzeit nicht scheut, verdient das Studio großes Lob.
Die Sprecher sind allesamt erfahrene Hörspielsprecher und/oder Schauspieler. Das hört man. Sie meißeln jede Emotion sorgsam aus den Briefen heraus und lassen sich Zeit mit dem Sprechen, um dann, wenn es gehetzt wird, auch gehetzt zu sprechen. Wir hören eine glaubwürdige und bis ins Detail authentische Wiedergabe der Briefe, die keine Wünsche offen lässt. Vielleicht haben wir es hier mit der besten Sprecherleistung überhaupt zu tun. Ein intensiver, anspruchsvoller Genuss, der über die ganze Laufzeit zu fesseln und zu überzeugen vermag.
Gleiches gilt für Effekte und Musik. Deutsche Grammophon verfügt durch seine musikalischen Aufnahmen über ein gigantisches Repertoire sämtlicher klassische Musiken – und dies ist auch zu hören. Eröffnet wird das Werk mit „Samuel Goldenberg und Schmuyle“ aus Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung.“ Wenn auch inhaltlich nicht zum Inhalt passend, ist das Stück dennoch wuchtig und unheimlich genug, um „Dracula“ adäquat einzuleiten. Auch der 1. Satz aus Mahlers 1. Sinfonie taucht mehrmals auf, wie auch der 1. Satz seiner unvollendeten 10. Sinfonie. Wer den Abschluss der dramatisch endenden 3. CD, das „Lacrimosa“ komponiert hat, würde ich gern wissen. Die fünfte CD steht ganz im Zeichen von „Mars“ aus Gustav Holsts „Die Planeten“. Mars als Kriegsgott gibt die Untermalung für den finalen Kriegszug gegen Dracula.
Die sparsamen aber wirkungsvollen Geräuscheffekte lösen unheimliches Kribbeln aus. Hier zeigt sich, wie überzeugend Effekte wirken können, wenn man mit ihnen geizt – in einem Hörspiel wäre diese Sparsamkeit tödlich. Man bedenke nur, „John Sinclair“ würde mit Geräuscheffekten sparen. Nicht auszudenken! Aber während der eine vor Effekten überquillt, reduziert man hier die Effekte effektvoll auf das Wesentliche. Und überzeugt.
CD 2 verlangt vom Hörer Konzentration. Die vielen Briewechsel der Männer und Frauen können verwirren, wenn man sich nicht einlässt und man verliert vielleicht den Faden. Hier gleichen sich die Stimmen der Männer zu sehr, und auch Mina und Lucy laden zur Verwirrung ein. CD 2 also am besten ohne störende Tätigkeiten hören.
Die Umsetzung hat ihre Längen. Aber die werden vom Roman einfach übernommen, eine mutige Entscheidung.
Ab CD 3 dann zieht die Handlung spürbar an, dramatischer wird die Musik, effektvoller kommen die Geräusche. Ab hier wird gepfählt und geköpft, wird der Plan Draculas vereitelt, wird sich ein Wettlauf nach Trannsylvanien geboten und Dracula in den letzten 5 Minuten ausgehaucht – erstmals so, wie es wirklich war: durch Minas Augenzeugenbericht und als Befreiter.
Wer meint, bei diesem Werk saugen oder staubputzen zu müssen, wird manchmal bestraft. Zu gern schlüpft einem da eine Wendung, Auflösung oder Neuigkeit durch die Finger, die in den Briefen so zwischendurch enthalten ist.
Man muss sich schon einlassen auf die mehr als 6 Stunden grandiose Literaturumsetzung, die man nicht genug loben kann. Hier ist alles erste Sahne, oder, um es altertümlich zu sagen, superb. Die Vorlage ist grandios umgesetzt, die Sprecher sind frei von jedem Makel, die Musik ist ausgezeichnet ausgesucht, dass Klassikliebhaber gerne ins Grübeln kommen dürfen, welches Werk nun zu hören ist, die Geräusche sind exzellent eingebaut, schlicht – ein umwerfender Hochgenuss, der jedoch den Hörer fordert und gewisse Anstrengung verlangt. Im Auto würde ich es nicht empfehlen. Der Verkehr und „Dracula“ würden in gefährlicher Weise um ihre geschätzte Aufmerksamkeit bitten. Dann doch lieber Zuhause im Dunkeln oder bei einem Abendspaziergang.
Verpackt in eine vorzügliche Box mit einem hervorragenden Artwork will nur das Booklet enttäuschen, das dem Bombast und der Sorgfalt einen leichten Dämpfer versetzt. Warum hier so gespart wurde, kann ich nicht begreifen. Hier hätte man noch mit Hintergrundinfos zum Vampir-Mythos und die eindeutig sexuellen Komponenten beeindrucken können, wie man auch Infos zu Bram Stokers Roman vermisst. Auch einige Dinge über die Sprecher hätte ich gern gelesen, anstatt sie aus dem Internet erst suchen zu müssen.
Dennoch: Für 25 Euro über 6 Studen solche Qualität zu bekommen, macht in Relation umgerechnet ein Schnäppchen aus „Dracula“.
Wieder ein Grund mehr, dieses Werk sich schleunigst zu besorgen.