Nennen wir sie einfach Lisa.
Lisa hat Hunger. Nicht zu viel, um „richtig was essen“ zu müssen, geschweige denn zu wollen. Aber das frische Ciabatta, Brötchen oder Teilchen fingerspitzenweise abzuzupfen und dabei nicht auszupacken, das will sie schon. Während Hunger beim Essen kommt, kommt Seligkeit beim Knistern.
Denn Lisas Tüte knistert. Jedes Mal, wenn sie in die Tüte greift, um ein fingernagelgroßes Bröckchen der Verborgenheit der stets geräuschvoll um Aufmerksamkeit buhlenden Plastiktüte zu entreißen.
Dabei blickt sie verträumt aus Fenstern, ins Nirgendwo oder ist in einen Text versunken. Weltvergessen hört sie ihre Umwelt nicht. Zu der auch ihre Tüte, die knisternde, gehört. Weniger weltvergessen fiele ihr möglicherweise auf, wie sehr sie ihre Umwelt nervt.
Lisa hat’s nicht eilig. Sie will ja auch nicht satt werden. Hat ja auch keinen Hunger. Einfach mal so’n bisschen knuspern, so total easy vor sich hinrupfen und rumkauen erfordert keinen Nachbrenner. So 15 Minuten dauert das dann halt, bis die 50 Gramm wie auch immer verbackene Teigmasse zum großen Teil verschwunden sind.
Lisa muss am Ende immer einen daumengroßen Rest noch in die Tasche packen und dabei etwa zwei Minuten damit verbringen, der jeweils entgegengesetzten Hemisphäre durch planloses Herumknistern mitzuteilen, dass sie eigentlich keinen Hunger sondern nur „so’n bisschen Bock auf was Kleines“ hatte und sie einen Rest übrig behielt und den einpackt, um ihn später zu essen. Die zusammengeknüllte Knisterheit letztlich entrollt sich, da einfach planlos liegen gelassen, in den nächsten unbeobachteten Minuten wieder, während Lisa weltvergessen durchs Fenster, ins Nirgendwo oder in einen Text blickt. Da kann ein Jet starten, ein LKW donnern, ein Asteroid einschlagen – Lisa hört nichts davon.
Ja, auch ihre Tüte nicht.
Doch so weit, überhaupt an ein Ende gekommen zu sein, an dem ein Rest steht, den sie bar jeder Hungerbekämpfung irgendwann am Tag oder notfalls morgen unter fleißiger Zuhilfenahme aufmerksamkeitsstarken Geknisters weltvergessen in sich hineinmümmeln wird, ist sie noch nicht.
Zehnsekündlich bahnen sich ihre Finger, ungefolgt von Lisas Blick, in Richtung Tüte, ertasten sich jedes Mal aufs Neue den Weg in die Öffnung, die andere Hand erfühlt geräuschvoll das wie auch immer geartete Teigmahl, um es durch die Tüte auf die Unterlage zu drücken, damit es während Lisas Rupfen der anderen Hand unbeweglich bleibt.
Ein Vorgang von zehn Sekunden. Das, was Lisa mit spitzesten Fingern aus der Tüte zutage fördert, ist zu klein, um gesehen zu werden. Scheinbar verschwinden lediglich ihre Fingerkuppen kurz im Mund, der kaum etwas zu kauen hat.
Deshalb ist es schnell nötig, eine erneute Errupfungsrunde in die Tüte zu starten. Die, die knistert. Jedes Mal. Jedes verdammte, verfluchte Mal. Jedes Mal, wenn ihre Zugnachbarn, sofern es sie gibt, angestrengt in ihre Zeitschriften schauen, versuchen, nicht auffällig zu atmen und ihren Blick im Zaum zu halten versuchen, der unwillkürlich abschweift zum Knisterzentrum, das für die nächste Zeit die Szenerie bestimmen wird.
Kurzzeitig spannen sich Gesichtszüge in Hörweite, unweigerlich wird dieses kleine Stück Knisterüte zum Zentrum des Universums. Nur für Lisa nicht. Weltvergessen blickt sie einfach aus dem Fenster. Oder ins Nirgendwo. Oder in einen Text.
Ist ja auch egal.
Lisa hat ja auch keinen Hunger. Nur ein klein wenig Sehnsucht nach was Simplem zum Kauen.
Sehnsucht, ach.
Eine knisterarme Zukunft.
Das wär’s.