Wie gern wäre ich manchmal ein Fernseher – ein Radio – oder ein Handy!
Warum?
Weil sie einen Ausknopf haben. Wenn wir sie nicht brauchen, nicht wollen, Strom und Energiesparen möchten, dann drücken wir ihren Ausknopf.
Wir gönnen damit den Geräten das, was viele von uns oft gerne hätten: eine Auszeit!
Natürlich nennen wir das bei Geräten nicht so. Dinge nehmen keine Auszeit. Aber betrachten wir uns das Wort „Auszeit“ genauer: Aus-Zeit steht da plötzlich.
Den Begriff kommt ursprünglich aus dem Sport: Wer eine Auszeit nimmt, ist nicht dabei, spielt das Spiel nicht mit – ein unangenehmer Gedanke.
Wir nutzen den Begriff jedoch in ganz anderer Verbindung und haben uns gleich eine passende Sprachwelt darum aufgebaut:
Die Zeit, in der wir „aus“ sind, schließlich ist „der Akku leer“ oder man „muss Energie tanken“ und braucht Zeit, um „sich wieder aufzuladen“.
Wenn wir eine Auszeit nehmen, ist das nichts anderes. Sprachlich scheinen wir uns gern mit Geräten und Automaten zu vergleichen.
Was harmlos und humorvoll klingt, hat bei genauerem Hinsehen ganz andere Dimensionen:
Sind diese Arten des Ausspruchs Teil unserer normalen Sprachkultur geworden, über die wir schon gar nicht mehr nachdenken, weil wir die Notwendigkeit so sehr verinnerlich haben, funktionieren zu müssen wie ein Ding?
Das Sprachverständnis mag Ausdruck sein einer Verdrängungstaktik. „Ich muss meinen Akku aufladen“ klingt weniger melodramatisch, nicht weinerlich, nicht so persönlich wie „Ich brauche Ruhe“ – das klänge, als sei man krank. Wohl dem, der sich auszudrücken weiß!
Auf den Ausspruch „Mein Akku ist leer“ sagt man schnell „Das kenne ich“, ohne das Gesicht zu verlieren oder zu viel Schwäche zu zeigen, im Gegenteil: Man ist Mitglied im Club der Beschäftigten, deren Einbindung in Prozesse, Abläufe und Notwendigkeiten notwendigerweise zu Energiemangel führt. Das „Ausgepowert-Sein“ wird somit nicht zum Eingeständnis von Schwäche, sondern zu einem Ritterschlag: Wessen Akku leer ist, der leistet etwas! Im süddeutschen Raum „schafft“ man sogar. Ist man sofort untätig, wenn man nicht „schafft“, und schafft man nicht, weil man NICHTS schafft?
„Ich bin erschöpft“ suggeriert viel zu schnell das Rutschen ins Krankenbett, und wer will das schon?
Nein, da lade ich doch lieber meinen Akku auf – und nehme eine Auszeit!
Mit Auszeiten ist das so eine Sache: Wir gönnen Auszeiten allen Geräten, und wenn unsere Handys, Palms und Notebooks, aber auch unsere Kühlschränke und Eistruhen gar nicht „aus“ sein dürfen, spendieren wir ihnen zwangsläufig regelmäßig Energie, damit sie „am Laufen bleiben“.
Für gewöhnlich achten wir aber schon auf den Energiehaushalt unserer Geräte: Wir schauen nach niedrigem Verbrauch – Energie ist zwar reichlich vorhanden, aber teuer und kostbar! Wer sie verschwendet, ist uneffizient – womit wir wieder bei Geräten wären. Sparsam sollte man und sollten die Geräte schon sein.
Energiesparen als Effizienz – das ist ein schöner Trend.
Aber wie gehen wir mit unserer Energie um? Nehmen wir unseren Energiehaushalt nicht zu leicht, weil wir ihn mit dem Energieaushalt von Elektrogeräten vergleichen? Und wenn das so sei, funktioniert das überhaupt?
Jetzt gerät unser schönes Vereinfachungsgebilde ins logische Straucheln: Denn sparen wir unsere Energie, die WIR für UNS brauchen, körperlich und mental? Gönnen wir uns eine Auszeit? Und wie weit muss es erst kommen, dass für uns und andere eine Aus-Zeit gerechtfertigt erscheint?
Eines kann man sagen: Wr können uns nicht einfach ausschalten wie ein Gerät und dadurch Energie sparen, um unseren „Akku aufzuladen“ – Zeit ist Geld. Verpflichtungen sind notwendige Trittstufen unseres Lebenswegs.
Da kann man keine Auszeit nehmen – wirklich nicht?
Das Leben vieler Menschen ist ein Parcours durch Hindernisse – sie lavieren sich durch Müssens uns Sollens. Und wenn einmal „nichts“ ist, steht das andere: Das Wollen! Dass es sich bei diesem Wollen eigentlich um ein „Wollen-Müssen“ handelt, liegt zunächst nicht auf der Hand.
Leben kostet Energie. Das ist logisch. Und das war auch schon immer so.
Doch sagten die Menschen vor 100 Jahren auch, sie müssten „ihren Akku aufladen“, „Energie tanken“ und „eine Auszeit nehmen“? Oder ist eher anzunehmen, dass sie mit unserer heute verbreiteten Automatensprache nicht vertraut waren?
Sie dürften sich nicht gescheut haben zu sagen: „Ich brauche Ruhe“ – ob sie Ruhe nun bekamen oder nicht – was hätten sie anderes sagen sollen? Ihr Sprachgebrauch war ein anderer. So hart das Leben gewesen sein mag, so konnten die Menschen sich sprachlich noch nicht mit Automaten gleichsetzen, weil diese noch nicht den Alltag besetzt hielten wie heutzutage.
Dabei ist es ganz gleichgültig, ob sie das Wort „Aus-Zeit“ kannten – die Konnotation wird eine andere gewesen sein als heute. Ein An-Sein oder Aus-Sein war damals noch nicht solch ein sprachliches, gedankliches – und somit kulturelles! – Surrogat wie heute.
Anzunehmen ist eher, dass die Menschen einfach „müde“ oder „erschöpft“ waren – statt „leer“ oder „ausgepowert“. Eingebettet in solch sprachlichen Kontext ist auch das grundlegende Verständnis abzuleiten, dass Menschen anderen Menschen und sich selbst entgegenbringen. Da redete man schlicht von menschlichen Bedürfnissen, von „Seins-Zuständen“, von „Dingen an sich“. Damit mag man gern Respekt ableiten oder eben seinen Mangel.
„Das geht zu weit“, mag man jetzt sagen. Aber gönnen wir uns, die Gedankenfäden zusammenzufügen.
Betrachten wir das Wort „Auszeit“ – das Gegenteil wäre „Anzeit“. Klar, an das Gegenteil denkt man nicht sofort, wenn man etwas sagt und denkt.
Aber ist das Gegenteil dessen, was ich sage, nicht das Gegenteil von dem, was ich sagen will, dann habe ich ein schlechtes Wort benutzt. Auszeit jedoch will ein Gegenteil sein von Anzeit, auch wenn niemand dieses Wort benutzen würde.
Aber: Ist die Sonne an? Sind die Sterne an? Ist irgendein Lebewesen, die Katze oder der Hund von nebenan, der Vogel auf dem Baum, die Wespe oder Biene, die Kühe und Pferde, ist ein Lebewesen etwa „an“?
Der Mensch jedoch bezeichnet sich selbst und andere ohne mit der Wimper zu zucken als „an“, auch wenn er es nicht ausdrücken würde. Heutzutage nennt man das eher „aktiv“ oder „am Ball“ oder „dabei“.
Ja, der Mensch ist „an“ – und das immer! Ist er nicht „an“, tut er nichts. Er schläft, was man ihm nicht vorwerfen kann, oder er tut nichts, was man ihm als Faulheit auslegen könnte.
Nun sei folgende Frage gestellt: Folgt die Sprache der Gedankenwelt oder die Gedankenwelt der Sprache?
Jetzt wird es gefährlich für uns. Wenn die Sprache Ausdruck eines kulturellen und sozialen Menschenbilds ist, haben wir dann nicht ein handfestes Problem?
Wenn man nur anerkennt, dass etwas „an“ ist oder eben „aus“, gibt es da noch Raum für Zwischenschritte, wenn sich dieses Denken erst einmal durchgesetzt hat?
Und überhaupt: Ein Gerät, das „an“ ist, dient einem Nutzen, einem Zweck. Es hat seine Daseinsberechtigung, um zu tun, für das es nun einmal geschaffen wurde. Ist es „aus“, folgt es keinem Zweck, ist unbrauchbar, eigentlich unnütz. Die Auszeit eines Gerätes ist zwangsweise.
Nicht, dass sie das Gerät als solches überflüssig macht, aber es wäre schon praktischer, wenn man es nicht ausschalten müsste.
Und wir? Was ist mit unserem Denken, das mit dieser Sprache verknüpft ist? Kann es etwa sein, dass wir uns selbst und andere auch so sehen: Dass wir funktionieren müssen, und dass Erschöpfung, Ruhebedürfnis, Krankheit oder Müdigkeit notgedrungene Unterbrechungen von Leistung sind? Und wer würde auf diese Unterbrechungen nicht gern verzichten, wenn wir uns der Gefahr ausgesetzt sehen, dadurch den Zyklus von Leistung zu stören wie Sand im Getriebe? Wenn man darauf getrimmt ist, dann nicht zu funktionieren und seinen eigenen Nutzen und Wert bedroht sieht?
In welch einer Welt leben wir dann?
Wenn sich durchgesetzt hat, eigene, grundlegende Bedürfnisse wie Erschöpfung oder Ruhebedürfnis in einer unverbindlichen Sprache, die uns mit Automaten gleichsetzt, auszudrücken – wie sieht es mit der Empfindung, dem Respekt, der Achtung vor den Dingen und unserer Einstellung aus?
Wer Formulierungen benutzt, um eigentlich doch ganz normale Dinge „weniger dramatisch“ auszudrücken, misst den „Dingen an sich“, den menschlichen Bedürfnissen in diesem Fall, nicht die Achtung entgegen, die sie verdienen – und wenn das so ist, verkennt er dann nicht die Tatsachen?
Kleidet man Tatsachen nicht in unverfängliche Formulierungen, weil man annimmt, dass dies „sein müsse“? Wenn das sein muss: Hat sich da die allgemeine Annahme schon durchgesetzt, dass wir alle immer funktionieren müssen wie Automaten?
„Unsichtbar wird die Dummheit, wenn sie genügend große Ausmaße angenommen hat“, sagte Brecht. Wie weit ist sie schon vorangeschritten?
Wie sähe die Folge für den Einzelnen aus?
Mein Handy ist leer – also ran ans Kabel und die Steckdose. Etwas warten (wobei es in der Zwischenzeit gottlob weiterhin nutzbar ist), und schon geht es wieder.
Ich habe keine Lust mehr auf das Fernsehprogramm und schalte die Glotze einfach aus. Auf der Stelle ist „Funkstille“ – wieder so ein Wort.
Aber warum ist Funkstille? Weil ich Ruhe brauche, oder weil ich einfach beschlossen habe, dass der Fernseher nun aus sein soll? Bereitwillig tut er, was ich will.
Nun betrachte ich mich: Wenn ich den Fernseher auch aus dem Grund ausmache, weil ich nun Ruhe brauche – ich würde es ganz sicher nicht so sagen. Ich würde niemals verkünden: „Ich brauche Ruhe“, obwohl ich mich nach Ruhe sehnen mag.
Stattdessen sag ich etwas anderes: „Ich habe keinen Bock drauf“oder „Das geht mir auf den Wecker“!
Klingt weniger dramatisch.
Ich habe einen Beruf, ich habe Vorstellungen, Leidenschaften, Hobbys, Familie und Freunde. Sie alle definieren mein Umfeld. Dieses Umfeld hält mich in Bewegung, einerseits durch Dinge, die ich tun muss, und solche, die ich tun will.
Ist mein Akku leer, bleibt etwas auf der Strecke – klar, dass das nicht der Beruf sein kann. Und wenn ich zwangweise wirklich nicht arbeiten kann, werde ich versuchen, schnellstmöglich wieder „einsatzbereit“ zu sein, um „weiterzumachen“. Also spare ich natürlich auch am Privaten. Das eine passt mir nicht, weil ich „am Ball bleiben“ muss, aber nicht kann, und das andere passt mir nicht, weil ich Dinge tun will, die mir Spaß machen.
Ein Dilemma. Alles, was zählt: Auf die Beine kommen. Also beeile ich mich besser damit. Ich nehme eine „Auszeit“, das klingt ironisch, um auszudrücken, dass es gegen meine generelle Bereitschaft passiert. Diese ironische Distanz ist es, die alles genug bagatellisiert, um nicht ernst genug genommen zu werden, auch von mir selbst nicht. Und es transportiert vor allem eines: Miteiner Auszeit kündige ich die baldige Anzeit an – und ist es nicht das, um was es mir eigentlich geht? Die Notwendigkeit von Nichtaktivität in welcher Form auch immer lediglich als Pause zudefinieren wie eine Werbepause in einem Spielfilm?
Sage ich letztlich wirklich, um was es im Grunde geht, oder folge ich nur einer tradierten Form der Distanzierung vom Eigentlichen, um nicht anzuecken?
Ist mir letztlich selbst bewusst, um was es im Grunde geht?
Ach, wie gern wäre ich manchmal ein Fernseher – ein Radio – ein Handy …