Denkwürdige Überschrift: „Fische werden asozial“

Denkwürdige ÜberschritIm Bauch einer U-Bahn in Berlin sprang mir eine Überschrift in der Berliner Zeitung vom 15.2.2013 ins Auge: „Fische werden asozial“ – diese Überschrift blieb freilich nicht in meinem Auge hängen, sondern ging weiter in meinen Kopf.

Der Artikel handelte davon, dass Flussbarsche ihr Verhalten ändern, weil in den Abwässern vom Menschen ausgeschiedene Medikamente und Psychopharmaka enthalten sind. Das belege eine schwedische Studie im Wissenschaftsmagazin Science.

Als „asozial“ wurden jene Fische bezeichnet, die sich unter dem Einfluss der Mittel von der Gruppe entfernten und somit Opfer von Feinden wurden.

Damit widersprach der Artikel dem, was sich in meinem Kopf an Überlegung gebildet hatte, denn dort kreist das negativ besetzte „asozial“ als Bezeichnung eines Verhaltens, das die Masse behindert oder beschädigt – und nicht sich selbst als Individuum. Oftmals werden bei uns Menschen jene als asozial beschimpft, die sich sogenannten „gesellschaftlichen Normen“ absichtlich widersetzen als Attacke auf die Gesellschaft, oder aber – weit brisanter – solche Menschen, die qua sozialem Umfeld nicht in „unsere öffentliche Ordnung“ passen.

Das fand ich interessant: denn sprechen wir von Menschen als asozial, ist es uns in erster Linie gleichgültig, ob die Asozialen dadurch Nachteile erfahren oder gar erleiden. Die Fragestellung, inwieweit ihnen ihre Stellung selbst Last sein mag, taucht gar nicht erst auf. Asozial ist hier Brandmarkung, Abwertung, gesellschaftliche und individuelle Last. Sie stören allein durch ihre Existenz, der Unterschied zwischen ihnen und uns allein macht sie schuldig und legitimiert unseren Blick an ihnen vorbei, durch sie hindurch, in Schubläden der Vorurteile – so oder so: Ein Schuldspruch irgendwie, der uns entlastet, denn wir sind die Richtigen.

Die Fische jedoch sind asozial in biologischer Hinsicht, Opfer des Menschen – dessen Ausscheidungen voller Mittel sind, die den Einzelnen und damit die Masse gesund, „auf Spur“ und homogen halten soll.

Klar, der eine Gedankenstrang hat mit dem anderen wenig gemein, aber der Spalt zwischen ihnen, der sich mir im Gedanken auftat, war mehr ein Gefühl des Unbehagens und der Ansicht, etwas stimme hier nicht, denn als sorgsam austarierte Hinterfragung mit akademischen Anspruch der Beantwortung.

So bin ich noch immer ein wenig allein damit. Fische werden als asozial Opfer, während Menschen Täter sind. Eine eigenartige Sichtweise auf uns und auf Fische. Eine Diskrepanz, die eine verblüffend kurze Zeitspanne – die des Lesens der Überschrift „Fische werden asozial“, also weniger als eine Sekunde – da blitzartig in mir aufkeimen ließ. Und seitdem wachsen lässt.

Wie die Gedanken so spielen.

3194
Artikel bewerten
Thanks!
An error occurred!
Share

Leave a Reply