Amazon, Leiharbeit und Gewissen 1

Nun also doch: Amazon ist seit der Ausstrahlung der ARD-Dokumentation wegen seiner Arbeitsbedingungen öffentlich enorm unter Druck, Politiker melden sich zu Wort, sogar der Deutsche Bundestag beschäftigt sich nun mit dem Thema – dabei hatte es ähnliche Berichte und Dokumentationen schon mehrfach gegeben, ohne dass das Image des Online-Versandhändlers angekratzt wurde; ein paar wütende Kommentare, spärliche Boykott-Aufrufe, und nach kurzer Zeit war alles wieder vorbei.

Nun aber ist es anders. Kunden löschen ihre Konten – wenngleich auch in einem Maße, dass es Amazon nicht schaden würde – in der Presse findet sich täglich neue Berichterstattung über den Fall, soziale Medien machen Stimmung gegen Amazon.

Wieso eigentlich jetzt und nicht schon vorher? Hat ein großes Erwachen stattgefunden? Oder glaubt eine große Zahl an Kunden die schon vorher bekannten Vorwürfe durch die neuerliche Wiederholung und Variation erst jetzt?

Amazon wird genutzt, weil es praktisch ist

Möglich, dass es besagter Wiederholung bedurft hat, um etwas auszulösen – kein Wunder: Schließlich bedarf es der eigenen Überzeugung, etwas gegen jene zu empfinden, die dem Einzelnen nutzen – wir Kunden sind da so zweck-egoistisch wie oberflächlich: Sich gegen Amazon zu entscheiden, heißt nicht Abkehr von einem Unternehmen oder Kündigung von Freundschaft und Treue; sich gegen Amazon zu entscheiden heißt nichts weiter, als sich selbst das Leben wieder schwerer zu machen. Das zu verhindern, ist zunächst einmal jedes Mittel recht. Denn:

Amazon wird genutzt, weil es praktisch ist. Amazon ist ein Synonym für Bequemlichkeit, Effizienz und Unabhängigkeit. Amazon nimmt Arbeit ab und spart Zeit – Amazon ist Stillung eines Bedürfnisses nach Einfachheit und Schnelligkeit. Man kann sich auf Amazon verlassen. Punkt.

Vorgeschobene Argumente als Rechtfertigung für eigene Gewohnheit

Fällt da ein Bericht über Missstände in besagtem Unternehmen ins Gewicht und kann die Überzeugung ändern? Eher nicht: Das Gefühl der Verlässlichkeit überwiegt, da es dem Einzelnen näher ist. „So was gibt es halt überall“, sagt man leicht und verweist auf Berichte über andere Unternehmen. „Amazon mag Dinge falsch machen, aber auch nicht mehr als andere, und die werden ja auch gekauft.“

All dies sind vorgeschobene Argumente, um seine eigene Gewohnheit zu rechtfertigen: Im Grunde wollen wir Amazon nicht aufgeben. Wir schätzen die Vorteile einfach zu sehr. Extra nach Feierabend oder am Wochenende in ein Geschäft zu gehen oder gar ein zweites Mal, wenn z.B. das Buch nicht vorrätig war und bestellt werden musste – lästig.

Dagegen kommt ein Bericht über schlechte Arbeitsbedingungen nicht an. Die Gnade der Gewöhnung macht die Massen zwangsläufig taub.

Herdentrieb dividiert eigene Verantwortung durch Anzahl an Kunden

Unterschätzt werden sollte auch nicht der Herdentrieb: Dank ihm dividiert man eigene Verantwortung und eigenes Fehlverhalten durch die Anzahl an Kunden und kommt auf einen infinitisimalen Wert eigenen Verschuldens, der nicht stark genug ist, um etwas gegen seine Gewohnheit und damit gegen Amazon zu tun.

Aber ein zweiter Bericht, ein dritter, die Beschallung in den Medien und geteilte Empörungs- und Boykottwellen auf Twitter und Facebook rammen letztlich die Erkenntnis doch in die eigene Lebenswelt und machen die Überzeugungen brüchig.

Auch hier kommt als Faktor hinzu: Der Herdentrieb! Die größere Anzahl an Gegnern lässt die Unsicherheit wachsen, auf der richtigen Seite zu stehen. Da schlägt der praktische Utilitarismus durch und man wägt ab: Ist es nützlicher, auf die Empörung und Gegner zu pfeifen, oder ist es angebrachter, auf das moralische Empfinden zu hören und dem schlechten Gewissen Taten folgen zu lassen?

Hier ist in jedem Fall zu prüfen, was der eigentlicher Auslöser der persönlichen Aufregung ist: Das eigene Gewissen oder das öffentliche.

„Steter Tropfen höhlt den Stein“ – so offenbar auch hier. Aus einem kritischen Bericht über Amazon ist eine landesweite Affäre geworden, die spätestens mit der Äußerung Ursula von der Leyens ein Politikum wurde. Für Amazon gibt es nun kein Zurück mehr, es wird handeln müssen. Die abgesprungenen Kunden wird das Versandhaus verkraften können, und der Einzelhandel in den Städten wird kaum die Auswirkungen dauerhaft positiv spüren.

Einen Warnschuss allerdings hat es gegeben, den die Herde abgab: Wir beobachten euch.

3209
Artikel bewerten
Thanks!
An error occurred!
Share

One comment on “Amazon, Leiharbeit und Gewissen

  1. Reply sigmundo Feb 20, 2013 12:54

    mir macht dieser herdentrieb manchmal mehr angst als diese fascho-firma aus dem tv-bericht. es geht ja nicht um amazon. ich plädiere für den boykott vonderleyens & konsorten!

Leave a Reply