Gedankenzirkus

The Neon Demon – Filmkritik

Neon-DemonEntfremdung, Hohlheit, Entmenschlichung: Themen, die auch außerhalb des Model-Betriebs Gültigkeit haben und sich für eine ästhetische Bearbeitung anbieten.
Drive-Regisseur Nicolas Winding Refn ist dafür genau der Mann. Schon mit Drive nahm er ästhetische Bilder zur Erzählung von Bitterkeit und menschlicher Leere – ein ideales Gegensatzpaar, das es dem Zuschauer nicht immer leicht macht.
The Neon Demon ist solch ein Film. Hier treibt er das ästhetische Programm auf die Spitze und liefert einen leider zu sperrigen Film ab.
Der Film beleuchtet nicht nur die reine Hohlheit des Model-Betriebs, sondern auch die Frage, was Schönheitsideale aus Menschen machen. Sie entfremden, sie erschaffen eine abgehobene Parallelwelt, sie lassen Menschlichkeit und emotionale Tiefe ebenso erodieren wie auch Bezüge zur realen Welt. In diesem eigenen Kulturkreis ist die Welt nicht so, wie wir sie kennen, auch moralische Werte sind hier nicht mehr vorhanden.
The Neon Demon handelt zudem von der Neigung des Menschen, anderen Menschen oder Dingen zu verfallen: Dem Neonlicht, dem Ruhm im Neonlicht, den Menschen im Neonlicht, den Idealen der Schönheit wie auch Idealen generell.
Wie ein eigenständiges Wesen reißt er die Beteiligten in die Hölle – und zwar so oder so: Entweder leiden und sterben sie in der Hölle, oder sie mutieren selbst zu höllischen Wesen, die in dieser Hölle leben können. In jedem Fall steht eine vollkommen aus der Zeit und Realität gefallene Parallelwelt, die Refn immerhin sehr gekonnt und konsequent als abseitiges Reich ohne Verbindung zur realen Welt darstellt.
The Neon Demon ist ein Werk der Oberflächlichkeit: Komponiert, gestyled, umwerfend schön. Eine Story gibt es zwar, aber die ist drei Sätzen erzählt: Die 16-jährige Jesse kommt nach L.A. und erlebt einen kometenhaften Aufstieg als Model. Sie ist in einer Welt der Schönheit und Vollkommenheit das „Frischfleisch“ – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Sie läuft ihren Kolleginnen und Freundinnen durch ihre Unschuld und Natürlichkeit den Rang ab, wird jedoch selbst dabei immer künstlicher.

Der einst gefeierte Regisser Nicolas Winding Refn liefert mit Drive ein Meisterwerk ab, eben weil er sich „dem Mainstream“ weit genug näherte. Indem er dem Mainstream etwas Essenzielles hinzufügte, erschuf er Großes mit Drive. Seitdem allerdings macht er „Kunst“ – und unterstreicht dies nun mit einer über-artifiziellen Arbeit, die allerdings in einer Weise erschreckend konsequent ist: Die Model-Welt, die er darstellt, ist hohl und brutal – und sein Film ebenso.
In der Tat, die Bilder sind spektakulär, und auch der Soundtrack gemahnt einige Male an das Meisterstück Drive – dem Film, an dem sich Refn wohl auf immer messen lassen muss.

Gesprochen wird nicht viel im Film, und das ist auch nicht nötig. Die Protagonisten haben entweder ohnehin nichts zu sagen, oder es ist schlicht egal, was sie zu sagen haben.
Refn wäre nicht Refn, würde der Film zum Ende hin nicht eine blutige Wendung erfahren. Dabei ist er sich nicht zu schade, eine erstaunliche wie geschmacklose Nekrophilie-Szene einzubauen, in der die lesbische Jena Sex mit einer weiblichen Leiche hat und sich dabei Liebe mit Jesse vorstellt. Natürlich: Hier ist die Entmenschlichung, ja Entleibung auf die Spitze getrieben. In einer Welt, in der sich Models ununterbrochen operieren lassen und zu künstlichen Wesen werden, die mit 20 oder 21 zu alt für die Branche sind, kommt es nahezu aufs Gleiche heraus, ob man Sex mit einem Körper oder einer Leiche hat. Zugegeben, das ist kühn. Die eigenwillige Sex-Szene ist trotz aller Abartigkeit morbide erotisch und vor allem voller seelischer Vereinsamung, dass sie weh tut und berührt.
Gegen Ende dann fließt Blut. Viel Blut. Dabei geht einiges schief: Entweder hätte Refn sich die Andeutungen der Tat sparen können, weil sie der Geschichte und der Aussage selbst kaum etwas Essenzielles hinzufügen – oder er hätte weit mehr in die Vollen gehen müssen. Beides bleibt aus, es bleibt bei einer Andeutung.
The Neon Demon erlebte auf dem Filmfestival in Cannes seine umstrittene Premiere und wurde zum großen Teil ausgebuht. Verwundern darf das nicht. Ästhetisches Konzept und Funktionieren eines Films sind zwei Paar Schuhe, und Refn hat diesmal alles dafür getan, daraus ein Paar zu machen. Aller Ambition zum Trotz ist The Neon Demon vor allem langweilig. Fast zwei Stunden muss sich der Zuschauer gedulden, bis er das Kino verlassen darf, und das ist eindeutig zu lang. Refn hat sich bei der Darstellung einer Parallelwelt zu sehr in die seines eigenen Anspruchs verrannt, und fast möchte man annehmen, der Film sei auch deshalb so geworden, weil Refn sich inzwischen mehr als Marke darstellen möchte, als dass er Filme erschafft. Wird Refn also ein Opfer eigener Eitelkeit?

Mit The Neon Demon dürfte er sein Profil als polarisierender Künstler weiter geschärft haben. Als fähiger Filmemacher, von dem man Großes erwarten darf, wird sich nun zeigen müssen. Dass daran nun derartige Zweifel bestehen, hat er sich selbst zuzuschreiben.

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2 comments for “The Neon Demon – Filmkritik

  1. Samstag, 16. September 2017 at 13:06

    This is really a great stuff for sharing. Keep it up. Thanks for sharing.

  2. Samstag, 16. September 2017 at 13:06

    Really i appreciate the effort you made to share the knowledge. 

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