Gedankenzirkus

Ohne Mail – Wie ich mich von Informationen befreite

Ohne Mail - www.gedankenzirkus.deEs geschah durch Zufall nach einem Update: Ich bekam keine E-Mails mehr auf mein Smartphone. Die Neueinrichtung schlug fehl, und so verbrachte ich einige Tage, ohne dass auch nur eine E-Mail mich sofort erreichte. Erst abends am heimischen Rechner zeigte sich, was der Tag gebracht hatte. Ein Segen! Entspannter und aufmerksamer habe ich Mails seit Jahren nicht mehr gelesen – so dass sich seitdem freiwillig auf mobile Mails verzichte.

Ja, ja, ich verpasste ja etwas! Ich kenne diese Befürchtungen und Anmerkungen. Kurios, nutze ich doch Facebook, Twitter, WhatsApp auf dem Smartphone, wodurch ich immer erreichbar wäre. Von dieser merkwürdigen Telefonfunktion abgesehen, die Smartphones immer noch besitzen.

Mails: Das sind oft persönliche Dinge, geschäftliche Dinge, aber auch Newsletter oder Benachrichtigungen von Diensten, Behörden, Unternehmen. In ihnen steckt oft mehr als in einem Chat, und wenn an eine Kommunikationsform Reaktionen gekoppelt sind, dann sind das Mails. Rechnungen beispielsweise; Dinge, mit denen ich mich nie mobil befasse. Schon deshalb nicht, weil ich über Tag und unterwegs meist gar nicht aufmerksam genug bin, um mir die Einzelheiten zu merken. Sicher, ich könnte daraufhin Tools verwenden, die mich dann daran erinnern. Warum aber sollte ich? Habe ich nichts Besseres zu tun? Eben.

Oft genug kam es vor, dass ich Dinge schlicht vergaß. Gerade bei Rechnungen ist das unschön. Außerdem belästigt mich der Termindruck: Sobald ich per Mail etwas weiß, was erledigt werden müsste, steht da eine Aufgabe im Raum, die bearbeitet oder gelöst gehört.

Mir ist das alles im Grunde viel zu anstrengend.

Anders ist das bei Mails zu Hause am Rechner. Da liegen sie, und ich sehe sie mir an, während ich meist an einem Tisch sitze. Und ich lese sie. Ich merke mir, was drin steht. Ich öffne Newsletter, wenn ich möchte, ich zahle Rechnungen, ich antworte – alles Dinge, die ich im Büro, in der Warteschlange oder sonstwo nie tun würde. Man nenne mich gerne altmodisch, aber der Tag, an dem ich allen Ernstes über eine App in einer Warteschlange, an einer roten Ampel oder auf einer Parkbank mal ebenf mein Konto zugreife, wird niemals eintreten. Dafür sind mir die Dinge zu wichtig genug, um sie mal eben nebenbei zu tun.

Man nennt das ja inzwischen „abarbeiten“, und dieses Wort finde ich Blödsinn. Ich arbeite nichts ab. Keine Mails, keine Rechnungen, keine Antworten. Mails, die ich auf meine Privatkonten erhalte als Arbeit zu bezeichnen, die es zu bewältigen gilt, finde ich absurd. Woher dieser Drang kommt, alles immer als Arbeit zu bezeichnen, die man dann als „getan“ oder „erledigt“ abhaken kann … – keine Ahnung. Offensichtlich brauchen viele Leute dergleichen, um sich produktiv zu fühlen. Wobei hier wieder die nächste Frage im Raum steht, warum sie sich produktiv fühlen müssen … – aber ich schweife ab.

Im Zeiten, in denen alle nur noch von Tools quatschen, habe ich durch die zunächst unfreiwillige Mail-Pause auf meinem Smartphone eigentlich erst gemerkt, was für mich das idealste Tool ist: So lange von Dingen einfach mal nichts zu wissen, bis man die Ruhe hat, sie aufmerksam und damit angemessen anzugehen. Das unterscheidet Geschwätz von Substanz. Und wo wir gerade beim Stichwort Aufmerksamkeit sind: Das Gefühl, endlich wirklich mal wieder zu wissen, was einen so erreicht, es sich wirklich zu merken,  entsprechend zu reagieren und damit verbundene Notwendigkeiten wirklich anzugehen, ist für mich unsagbar befreiend.

Daher war es eine leichte Entscheidung, den unfreiwilligen Mangel zum gewünschten, bewussten Status Quo werden zu lassen. Keine einzige E-Mail landet auf meinem Smartphone. Für Urlaube werde ich mir vielleicht wieder einen Mail-Dienst einrichten, damit nichts anbrennt. Aber für den normalen Alltag? Keine Chance.

Ach, und für all die, die sich schon von Beginn diesesTextes nur mit der Frage beschäftigen, was ich denn wohl falsch gemacht habe, dass die Neueinrichtung der E-Mail-Konten auf meinem Smartphone nicht funktioniert hat:
Nun, eure Sorgen hätte ich gern …

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