Gedankenzirkus

Männer in Capes

Männer in Capes - www.gedankenzirkus.deKlar doch, Shakespeare kann einpacken: Schließlich ist jede Comic-Verfilmung mindestens ein Anwärter auf die Autorenschaft des britischen Genies. Dramen von Shakespearscher Größe, Tragik von Shakespearscher Tragweite, und überhaupt Shakespeare. Seitdem Comic-Verfilmungen auf keinen Fall mehr Spaß machen dürfen sondern sich um Ernsthaftigkeit und Düsternis bemühen, ist der Vergleich zu Shakespeares Dramen natürlich nicht weit. Dabei tragen die meisten Hauptpersonen alberne Kostüme durch schwerfällige Geschichten, reden einen Haufen Unsinn und haben irgendwie alle Komplexe.
Klar doch, Marvel und DC-Comics sind die Gralshüter der Hochkultur! Schließlich halten sie nicht nur das Zepter des Anspruchs in Literatur und Film hoch, sondern in der Kultur allgemein. Dass Regisseure, Akteure und Produzenten, gerne auch Visagisten, Ausstatter und Kostümbildner in Interviews, die sich dann bitteschön im Internet verbreiten, Parallelen zu – natürlich – Shakespeare ziehen, hat selbstredend nur damit zu tun, dass sie allesamt profunde Kenner des Meisters Oevre sind und ihnen ohnehin nichts Geringeres vorschwebt. Wer das als Kritiker und Zuschauer kritisieren will, sieht sich natürlich mit der Entgegnung konfrontiert: „Hast du Shakespeare gelesen? Nein? Dann kannst du auch nicht mitreden.“

Somit bleibt das, was alle Beteiligten tun – die Frucht der eigenen Arbeit, die kreativen Prozesse, die kreativen Ergebnisse, Kreativität onhein allgemein und im Besonderen – überaus bedeutend und einer ledergebundenen Bibliothek entwölkt, aus deren finsterem Innern die Filmemacher von heute das große Erbe der Hochkultur für jene retten, die es heutzutage in volle, meist heiße und nicht selten unreine Multiplexkinos mit nervtötendem Publikum drängt.
Beruhigend auch irgendwie: Hamlet, König Lear, Macbeth sogar! NIemand muss die mehr lesen, es gibt schließlich Marvel und DC. Da stapfen Helden (allesamt gebrochen bittesehr! Mit schwerer Kindheit natütrlich! Schicksalbehaftet selbstverständlich!) nicht einfach nur mies gelaunt durch dunkle Bilder oder Tsunamis an CGI-Trümmern von exolodierenden Städten, Planeten, fliegenden Autos, die wer auch immer gerade statt Blitzen schmeißt, Monstern, außerirdischen Monstern) – vielmehr tragen sie ihr schweres Los, ihre innere Zerrissenheit, ihren Zwiespalt, ihre Wut, ihre Trauer, ihre Verantwortung, ihre Treue, ihre Verzweiflung (Liste nach Belieben verlängern) in einem Szenario kunstvoll geschliffener Dialoge, um dann in Action-Sequenzen richtig dfie Sau rauszlasen.
Dabei flattern ihre Capes, gerne auch in dramatischer Zeitlupe.
Wir müssen froh sein und können uns glücklich schätzen. Männer in Capes ersetzen inzwischen die klassische Bildung, auf die sie sich ständig berufen.
Das nennt man doch echte Dienstleistung.
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