Gedankenzirkus

High-Rise Filmkritik

High-Rise FilmkritikChaos, Anarchie, Kontrollverlust: Diese Themen will die Sozialdystopie High-Rise darstellen – und kommt dabei eben unter die Räder von Chaos und Kontrollverlust auf filmischer Ebene. Eine Story gibt es irgendwie, einen roten Faden mehr oder weniger, doch im Grunde ist High-Rise ein Musterbeispiel eines nicht funktionierenden Films, der lediglich darstellt und behauptet. J. G. Ballards Buchvorlage galt Jahrzehnte als unverfilmbar, und dummerweise liefert ausgerechnet der Film den schlagkräftigsten Beweis für die Wahrheit dieser These. In der Filmversion von High-Rise passieren die Dinge einfach, dabei gehen die Dinge viel zu schnell und scheinbar aus dem Nichts.

Der junge Neurologe Dr. Robert Laing (hervorragend: Tom Hiddleston) zieht, um ein neues Leben zu beginnen, in ein eigenwilliges Hochhaus, das der im Penthouse residierende Architekt Anthony Royal (Jeremy Irons) erbaut hat. Hier lebt es sich nach Klassen: Unten die Unter- und Mittelschicht, weiter oben frönen die Reichen und Superreichen einer spätrömischen Dekadenz, um ein Zitat von Guido Westerwelle zu bemühen.Außer zur Arbeit muss niemand diesen Mikrokosmos verlassen: Etagen mit eigenen Supermärkten, Sportclubs und Schwimmbädern bringen alle Annehmlichkeiten in die eigenen Mauern. Strom- und Wasserausfälle jedoch fachen die Klassenunterschiede an, die schließlich in totaler Gewalt münden.

Originell ist das nicht – zumindest nicht mehr. Der häufig bemühte Vergleich zu dem angeblich ähnlich gelagerten Snowpiercer hinkt dabei extrem: Snowpiercer bot Story, Hintergrund, entwarf eine Welt und beschäftigte sich mit philosophischen und psychologischen Fragestellungen – High-Rise macht sich diese Mühe nicht. Er stellt ein Leben dar und schließlich die Anarchie, ohne dies in einer Erzählung schlüssig zu begründen. Der Zuschauer wird einfach hineingeworfen in eine Abfolge von Szenen, denen man keine Glaubwürdigkeit abgewinnen kann.
So lernt Laing bereits am ersten Tag seine Nachbarin Charlotte (Siena Miller) kennen, nur um sie später im Film auf dem Balkontisch zu vögeln. Die Beziehungen untereinander bleiben im Film nicht nur völlig unklar, sondern auch unlogisch und der Realität entrückt. Da wird einfach gefeiert, später rebelliert und gemordet, und zwischendurch gibt’s Rudelbums in Orgien.
Gesellschaftsschichten wie Protagonisten bleiben wie Handlungen und Motivationen lediglich Schablonen, was einem den ausgezeichnet ausgestatteten und gefilmten Film schnell vergällt.

Ärgerlich ist das, weil Darsteller, Kamera und Komponist ihr Bestes geben und die Optik des Films durchaus stimmt. Erschwerend kommt hinzu, dass High-Rise einfach Jahrzehnte zu spät kommt: Nicht wegen Inhalt und Aussage, sondern weil die 70er-Jahre, in denen die literarische Vorlage von Ballard erschien, eine geeignete Zeit für Dystopien und filmische Experimente waren, siehe Das große Fressen, Salo – Die 120 Tage von Sodom, Themroc und Konsorten. Damals war die Zeit der kritischen Analyse von Gesellschaft und Märkten, wie sie High-Rise nun angeht. Angesichts Geschwindigkeits- und Technologieschocks stand die Welt vor zahlreichen Fragen, die auch der Roman von J.G. Ballard aus dem Jahr 1975 angeht.
Heute, im Jahr 2016, wirkt nicht nur die Herangehensweise an diese Themen antiquiert; die Themen sind auch inzwischen abgenudelt genug und in den letzten 40 Jahren hinreichend mit weiteren Aspekten gefüllt worden, dass High-Rise wie ein lächerlicher Anachronismus wirkt und seine Wirkung verfehlt – weil der Film schlicht in jeder Hinsicht uninteressant ist.

Einzig Tom Hiddleston empfiehlt sich für Höheres. Der Loki-Darsteller aus Thor wird als einer der nächsten Anwärter für das James-Bond-Franchise gehandelt, und High-Rise gibt ihm viel Gelegenheit, sich zu empfehlen. In Anzug und nackt wirkt er elegant, britisch, distanziert und distinguiert genug, um sich als nächster Bond-Darsteller zu beweisen. Es wäre immerhin ein positiver Nebeneffekt.

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