Filmkritik Jupiter Ascending

Oliver KochFilmkritik Jupiter Ascending

Filmkritik Jupiter AscendingÜber 15 Jahre ist es her, da den Wachowski-Geschwistern mit ihrem legendären SF-Film Matrix ein revolutionärer Meilenstein gelang: Eine derart durchchoreographierte Mischung aus Philosophie und Blockbuster-Action hatte die Welt noch nicht gesehen. Lang ist’s her, müssen sich die Wachowskis gedacht haben, und wollten mit ihrem neuen SF-Großprojekt Jupiter Ascending auf Nummer Sicher gehen. Und liefern einen visuell beeindruckenden, auf größtmögliche Epik abzielenden Film ab, der an maßloser Naivität und Kinderei krankt.

Um es vorwegzunehmen: Jupiter Ascending hat das Zeug, ebenso geliebt zu werden, wie er gehasst werden kann. Aber worum geht es eigentlich?

Die junge Frau Jupiter Jones (Mila Kunis) schlägt sich als Putzfrau durchs Leben. Als Eingewanderte ist sie auf ihre Familie angewiesen und eine typische Außenseiterin in den USA. Doch während Jupiter sich durch Wohnungen reicher Leute putzt und von einem Teleskop träumt, führen in der Galaxis finstere Mächte etwas im Schilde: Die drei Geschwister der Herrscher-Familie, Abkömmlinge intergalaktischen Turbo-Kapitalisten, haben seit dem Tod ihrer Mutter Angst um ihr Erbe – unter anderem Erde nämlich. Die Erde wurde nämlich von ihnen vor langer Zeit mit Menschen besät, um diesen nach gewisser Zeit „zu ernten“ – zu was, soll hier nicht verraten werden. Sie ist lediglich teil einer galaxisweiten Mega-Industrie, die übrigens auch im Roten Fleck des Jupiter eine gigantische Fabrik unterhält. Die Machtverhältnisse sind fragil und werden es noch stärker, als herauskommt: Ausgerechnet die nach nach Amerika eingewanderte junge Putzfrau Jupiter ist genetisch gesehen ebenfalls Erbin der Erde. Logisch, dass das die drei Geschwister auf den Plan bringt. Vor allem der böse Balem (Eddie Redmayne) will Jupiter töten. Glücklicherweise gibt es den genetisch manipulierten Soldaten Cane (Channing Tatum), der sie nicht nur über ihre Identität aufklärt, sondern auch tatkräftig vor den finsteren Mächten beschützt.

Mehr soll nicht verraten werden, denn die Story entwickelt sich fast über die ganze Laufzeit des Films und soll daher nicht vorweggenommen werden.

Beginnen wir mit dem, was den Film auszeichnet:

Das reichhaltige, große Universum von Jupiter Ascending

Endlich sehen wir wieder ein waschechtes Science-Fiction-Epos, das Großes vorhat. Das gezeigte Universum ist reich bevölkert und bietet zahllose Andeutungen, die eine Filmserie möglich machen.

Die Story entwickelt sich immerfort weiter – definitiv ein großes Plus des Films. So sind die 127 Minuten erst am Ende des Films auch auserzählt. Die diversen Allianzen und verdeckten Motivationen lassen den Zuschauer nie ganz sicher sein, ob alles so ist, wie es scheint. Das macht Jupiter Ascending erzählerisch interessant und hält das Publikum durchaus bei der Stange.

Der Film ist reich an gezeigter und angedeuteter Mythologie, die für mehrere Filme reicht. In der Tat haben die Wachowskis einen brodelnden Kosmos entwickelt, der nicht langweilig wird, und der in Strecken an klassische Space-Operas der Science-Fiction-Literatur erinnert.

Jupiter Ascending und die schwelgerischen Bilder

Große Bilder und schwelgerische Ausstattung tun ihr Übriges: Mit John Toll, dem zweifach oscar-prämierten Kameramann von Braveheart und Legenden der Leidenschaft haben die Wachowskis einen Spezialisten für das Einfangen ihrer epischen Geschichte gefunden, dass nahezu jede Szene unter dem Motto E.P.O.S. steht.

Natürlich sind die Effekte state of the art – anderes hätte man von den Wachowskis auch nicht erwartet.

Ja, es gibt also einige Gründe, zu mögen.

Kommen wir aber nun zu den Nachteilen. Davon gibt es leider viele.

Kindereien, Kitsch, Klischees in Jupiter Ascending

Der größte Kritikpunkt: Jupiter Ascending ist nahezu nervtötend kindisch. Er ist damit Speed Racer weitaus näher als Matrix. Wer meint, aus der Grundkonstellation des bösen, gewissenlosen Kapitalismus, der in dem Film-Universum herrscht, auch nur einen Ansatz an kritischer oder doppelbödiger Hinterfragung herauslesen zu müssen, wird eine Bruchlandung erleben: Jupiter Ascending wendet sich eindeutig an Heranwachsende und solche, die 127 Minuten lang einfach mal abschalten wollen. Doch während das noch gerade zu verschmerzen wäre, strotz das Drehbuch vor Klischees aus Science Fiction und Fantasy, was dem Film jede Originalität und eine einheitliche Klammer raubt. Zudem ist zu vieles schlichtweg abgekupfert von anderen.

Die Wachowskis kehren mit Jupiter Ascending zumindest in einem Punkt zu Matrix zurück: In der Frage nach der wahren Identität. War in Matrix die Menschheit nichts weiter als ein riesiges lebendes Batterie-Depot und die Welt, wie wir sie kennen, nichts weiter als eine Simulation, ist die Menschheit in Jupiter Ascending nichts weiter als Verbrauchsmaterial. Das Maschinelle aus Matrix ist hier dem Genetischen gewichen – doch es findet kein Ausbau dieser Frage statt. Es bleibt bei der Prämisse als Vorwand, die Ränkelspiele und die reichlich bescheuerte Wandlung einer Putzfrau zu einer galaktischen Persönlichkeit und Heldin zu zeigen. Das alles ist flach, oberflächlich und mit aller Gewalt auf Blockbuster getrimmt, dass man sich die Augen reiben kann: Das meinen die Wachsowskis wirklich ernst?

Das Problem mit den Figuren

Extrem auch die eindimensionalen Figuren. Wie schon in der völlig grotesken Albernheit Speed Racer sind sämtliche Charaktere nichts als Knallchargen, inklusive Jupiter selbst. Geradezu lächerlich ist leider ausgerechnet der Part von Eddie Radmayne, der gerade erst für seine fulminante Darbietung von Stephen Hawking in Die Entdeckung der Unendlichkeit den Golden Globe als bester männlicher Darsteller erhielt und beste Chancen auf einen Oscar hat: Sein finsterer Balem ist in jeder Sekunde absolut lachhaft – und leider auch lachhaft gespielt. Einen derart eindimensionalen und albernen Bösewicht gab es schon seit Langem nicht mehr im Kino zu ertragen. Redmayne hätte eine Goldene Himbeere als schlechtester Schauspieler leider voll verdient. Dass seine Rolle ein gar sinistrer intergalaktischer Schurke ist, ist schon schlimm genug, aber keine Entschuldigung für die Leistung – wobei: Was soll man aus einer Rolle rausholen, die vom Kern her schon lächerlich ist? Vielleicht hätte ein Schauspieler wie Christoph Waltz oder ähnlichen Kalibers es zumindest vermocht, so etwas wie Würde oder ironische Distanz ins Spiel hineinzubringen. Redmayne jedenfalls spielt seinen Bösewicht so hemmungslos, dass man zwischen unfreiwilligem Lachen oder geschockter Face palm hin und her schwankt.

Die größte Gefahr an Jupiter Ascending ist eindeutig die Figur der Jupiter selbst: Die Handlung ist eher ein typischer feuchter Jungen-Traum, was gerade den Jungen die geschlechterspezifische Identifiktations-Rolle entzieht. Sie müssen mit ansehen, dass eine junge Frau den Weg einschlägt, den gemeinhin Jungen erträumen – das ist durchaus interessant, jedoch fraglich, ob die Rechnung aufgeht, und sich junge Mädchen und Frauen mit der Rolle einer intergalaktischen Prinzessin identifizieren möchten und können – schön wäre es ja, wenn die tradierten Geschlechterrollen in dieser Art von Erzählungen überwunden werden können.

Eine besondere Nebenrolle sei erwähnt: Terry Gilliams Kurzauftritt in einem labyrinthischen, kafkaesken Bürogebäude. Es ist schön, anzusehen, wie sich der Raum der Szene auf seine Meisterwerke 12 Monkeys und Brazil bezieht. Alles in allem eine wunderschöne Verneigung. Dumm daran: Die Szene wirkt schrecklich aufgesetzt und passt ganz und gar nicht in den Film. Ohnehin ist die gesamte Sequenz, in der diese Szene eingebettet ist, ein außerordentlicher Fremdkörper im Film.

Jupiter Ascneding wirkt wie Game of Thrones auf Speed

Wobei wir bei der nächsten Schwachstelle des Film wären: Er meint es nicht ehrlich genug mit der Science-Fiction – weshalb er sich auf eine recht schräge Mischung mit Fantasy-Elementen einlässt; beziehungsweise mit Fantasy-Kitsch. Prinzessin, Königliche Hoheit: Was soll das? Das Ganze wirkt neben dem angedeuteten knallharten galaktischen Turbo-Kapitalismus so fehl am Platz, dass es keine Einheit ergeben will.
Das zeigt sich auch in der Ausstattung des Films: Für einen richtigen SF-Film ist er bei Weitem nicht technisch genug, sondern schlicht zu märchenhaft. Die Dekors, durch die die Darsteller stapfen, sind einfach zu untechnisch, zu unhip und beschränken sich auf Zitate römischer, griechischer sowie barocker Formen und Kunst – das wirkt dermaßen überholt und vor allem auch zu bekannt, um wirklich glaubwürdig zu sein. Manches Mal hat man den Eindruck, einer Art Game of Thrones auf Speed zuzusehen.

Man wird den Eindruck nicht los, dass man entweder auf Nummer Sicher gehen wollte, oder keine besonderen Einfälle hatte. Da stapfen selbst Androiden durch die Bilder, die geradewegs aus Spielbergs A.I. entsprungen sein könnten, während in der nächsten Szene märchenhafte Kulissen zu sehen sind wie aus Fantasy-Serien und -Spielen.

Auch die Musik macht keine Kompromisse an den Anspruch des Films. Star Trek– Komponist Michael Giacchino, der einen Soundtrack-Oscar für Up gewann: Stets krachend, episch, schwelgend und mit massivem Einsatz von Orchester und Chor, dröhnt es da, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Kunstfertigkeit merkbarer Themes indes bleibt aus, alles ist meist eine Spur zu viel und zu schwülstig – damit fügt sich der Score nahtlos in die Enthemmung, die Jupiter Ascending auszeichnet.

Was bleibt?

Schon der erste Trailer ließ ahnen, dass Jupiter Ascending nur eines werden kann: Ein Traum oder echte Grütze.

Die Wahrheit liegt dazwischen mit starker Tendenz zu Grütze, und man muss sich fragen, ob die Wachowskis ihren Ruf eigentlich überhaupt noch verdienen, der ihnen seit ihrem Klassiker Matrix anhaftet, den sie aber seitdem nie wieder rechtfertigen konnten.

Die beiden Matrix-Fortsetzungen wurden zwar wirtschaftlich erfolgreich, aber von Kritik und Publikum weitestgehend als misslungen abgelehnt, ihr darauffolgender Speed Racer ist eine derartige bodenlose Dummheit, dass sie der Rede nicht wer ist und auch Cloud Atlas ausgerechnet ein deutschen Film gemeinsam mit Tom Tykwer, geriet weltweit zum ambitionierten Flop.

Jupiter Ascending hätte da der lang erhoffte Befreiungsschlag werden können, der die Geschwister in den Olymp des SF-Kinos zurückkatapultiert hätte: 175 Millionen Dollar teuer, heiß erwartet, gerade durch die plötzliche Verschiebung um ein sattes halbes Jahr. Nun sind die Erwartungen natürlich erst recht hoch – und Prognosen darüber, ob der Film ein Hit oder ein Reinfall wird, sind schwer zu treffen. Möglich ist beides.

In den Olymp ziehen die Wachsowskis ganz sicher nicht mehr ein: Mit Jupiter Ascending haben sie sich auch im Falle eines Kassen-Hits vor den Anhängern von Matrix lächerlich gemacht und fallen als ambitionierte Geschichtenerzähler im SF-Genre aus.

Der Text erschien zudem im kostenlosen SF-Magazin Corona Magazine aus dem Verlag in Farbe und Bunt.