Filmkritik Interstellar

Oliver KochFilmposter Interstellar

Filmposter InterstellarVon Regisseur Christopher Nolan werden Extravaganzen erwartet, was Nolan auch mit Interstellar liefert als einiger Arthouse-Regisseur, der für seine epischen Filmvisionen 165 Millionen Dollar verbraten darf – Geld, das sich gelohnt hat. Interstellar ist kühn, gewaltig und visionär. Fast drei Stunden und keine Minute zu lang, ist Interstellar ein erzählerisch gewagter und optisch atemberaubender Meilenstein nicht nur der Science Fiction, sondern des Films allgemein. Interstellar zeigt, wie Hollywood sein kann, wenn es sich traut, anders als Hollywood zu sein.

Dabei wird Interstellar, wie für alle Filme seines Kalibers, das Publikum spalten. Er haut genau in die Kerbe, die so sehr fehlt im groß angelegten, teuren Bombast-Kino: Intellektuell und dabei höchst unterhaltsam, herausfordernd und mitreißend. Die äußerst emotionale Story balanciert immer haarscharf an der Grenze dessen, was für ein breites Publikum überhaupt zumutbar ist. Die Drehbuchschreiber Christoper und dessen Bruder Jonathan Nolann verstehen ihr Handwerk, die ebenso groß wie hoch angesetzte intellektuelle Messlatte immer wieder mittels emotionaler Szenen zu erden – und mehr als das: Interstellar schafft das Kunststück, die enorm befremdlichen physikalischen Begebenheiten an zwischenmenschliche Beziehungen zu koppeln und sie gar damit gleichzusetzen. Angetrieben wird das erzählerische Konstrukt von einer abwechslungsreichen, stets voranschreitenden Handlung mit Spannungs- und Action-Sequenzen, die niemals Selbstzweck sind, und auch handfeste Überraschungen hat Interstellar zu bieten – dies ist auch der Grund, aus dem sich eine nähere Inhaltsangabe verbietet. Der Sog der Geschichte und der Bilder spricht für sich.

Nolan bietet atemberaubende Bilder dank einer oscarreifen Kameraarbeit von Hoyte Van Hoytema, mit dem er erstmalig zusammenarbeitete – Nolans Hauptkameramann drehte mit Transcendence seinen ersten eigenen Film. Ein großartiger Wechsel: Da werden Perspektiven und Einstellungen auf die Leinwand gezaubert, die noch kein Film zuvor derart bot. Hier setzt Interstellar durchaus Maßstäbe, da er den sonst üblichen Effekt-Bombast schlicht verweigert. Nur selten sieht man die Raumschiffe und Fähren wirklich von außen, vielmehr scheint die Kamera an ihren Hüllen zu kleben. Nolan verwendete – extravagant, wie er ist – Modelle und verzichtete auf CGI’s, wo immer es möglich war. Zum Ausgleich benötigte ein einzelner Frame mancher Wurmloch-Szenen 100 Stunden Renderzeit. Insgesamt kamen über 800 Terrabytes an Effektdaten zusammen.

Geradezu maßstäbesetzend sind die Soundeffekte sowie die kathedralenartige Musik von Nolans Haus-Komponist Hans Zimmer. Nolan wollte einen einzigartigen Soundtrack, wie ihn noch niemand gehört hat. Was Zimmer an Filmmusik für Interstellar abgeliefert hat, ist im wahrsten Sinne des Worten unerhört: Eine mal sphärische, mal ohrenbetäubend laute Sakralmusik, die alles sprengt, was man bislang von Film-Soundtracks angenommen hat, jenseits des Gewohnten. Oft ist sie in den physikalisch korrekt lautlosen Weltraum-Szenen das einzige, was zu hören ist. Mal meditativ, mal brachial. So oder so, Zimmers Soundtrack ist pure Magie und elementarer Bestandteil des Films, einem eigenen Charakter gleichzusetzen.

Noch eine Extravaganz: Interstellars Look. Nolan verabscheut nicht nur 3D, sondern drehte das fast dreistündige SF-Drama komplett analog. Damit nicht genug, verwendete er für etwa 1 Stunde Filmmaterial IMAX-Kameras mit 70-Millimeter-Film. Nur 4 Kinos in Europa sind in der Lage, dieses analoge IMAX-Format überhaupt wiederzugeben. In anderen Kinos, auch den IMAX-Kinos, läuft der Film digital.

Das analoge Aufnahmemedium verleiht dem Film Authentizität.

Was also bleibt über Interstellar zu sagen? Ganz sicher, dass der Film als Klassiker in die Geschichte eingehen wird – und damit geliebt wie gehasst werden wird. Nolan, der in einem Interview sagte, dass gewisse Ungereimtheiten für eine Filmerzählung nötig seien, befolgte während des Drehs eine Note des Physiker Kip Thorne, auf dessen Theorien der Film beruht: Alles musste physikalisch exakt sein, nichts durfte aus der reinen Phantasie entspringen. Einen derart visuell wie akustisch überwältigenden Großangriff wird man so schnell nicht wieder im Kino sehen. Interstellar sprengt die Norm dessen, was Blockbuster dürfen und wie sie zu sein haben. Nicht nur die Erzählung beschreibt das Überwinden von Grenzen, sondern die Erzählung selbst sowie die Machart verschieben die Grenzen.

Das Ganze ist fast schon zu epochal, um wahr zu sein. Gerade deswegen bereichert Interstellar den Science-Fiction-Film maßgeblich als ein Werk, an dem sich das Genre künftig messen lassen muss. Damit ist Interstellar in einer ganz kleinen, aber äußerst hochklassigen Gesellschaft, die das Science-Fiction-Kino nachhaltig prägt und definiert.