Gedankenzirkus

Filmkritik Hin und weg

Hin und weg Poster - www.gedankenzirkus.deGroßes Erzählkino aus Deutschland: Roadmovie, Komödie, Drama – Hin und weg ist alles davon. Dabei ist beachtlich, mit welch erzählerischem Können aus einem Film, der vordergründig das selbstbestimmte Sterben thematisiert, ein sensibler, schöner und emotionaler Film über das Leben wird und eine Hommage an die Freundschaft. Vor allem eine Huldigung der Menschenwürde.

Das muss man erst einmal nachmachen: Hin und weg bietet das famoseste Schauspielerensemble auf, dass man lange Zeit auf der Leinwand sehen durfte. Vollkommen klischeefrei agieren hier Charaktere zusammen, die nach wenigen Szenen und Sätzen für den Zuschauer feststehen und die man mit ihren Macken vollständig versteht und lieb gewinnt. Da sitzt jede Szene und jede Dialogzeile, das ist prägnant geschrieben von Ariane Schröder und Regisseur Christian Zübert und großartig gespielt.

So liegt die Geschichte nicht auf dem Leiden von Hannes, gespielt von einem überzeugenden und sympathischen Florian David Fitz, der mit Hin und weg eine ernst konturierte übernehmen darf, sondern ist eng verwoben mit dem Leben seiner Freunde.

Dabei bietet die Story idealen Nährboden, unendlich viel falsch zu machen:
Der sterbenskranke Hannes animiert seinen Freundenkreis zu einer Radtour von Frankfurt ins belgische Oostende. Dabei erffnet er ihnen, dass er wie bereits sein toter Vater unheilbar als ALS erkrankt sei und sterben werde, worauf er am Ende dieser Radtour in Belgien einen selbststimmten Tod durch eine Giftsprizte wünscht – die Freunde sollen ihn begleiten auf seiner im wahrsten Sinn des Wortes letzten Reise.

Was nun folgt, ist eine Offenbarung: Ohne den nötigen Ernst und die angemessene Dramatik zu vernachlässigen, erzhlt Hin und weg fortan, wie diese Nachricht das Leben der Freunde beeinflusst. Fern aller Klischees und überzogener Tränendrückerei umschifft der Film damit die Hürde, ein bleischweres Drama zu werden, sondern zeigt die Schönheit jedes einzelnen Tages und jedes einzelnen Lebens. Die Todesnachticht setzt im Gegenteil eine Bejahung des Lebens bei den Freunden in Gang, die damit ihre eigenen Probleme zu lösen beginnen – dass hier pointiert witzige, sympathische wie anrührende Szenen nicht fehlen, ist ein großes Plus dieses außergewöhnlichen Films.

Dass der Film sich am Ende nicht scheut, in einem beeindruckenden Finale den selbstbestimmten Tod Hannes in voller Länge zu zeigen, ist sein großer Verdienst. Behutsamer, intimer und ruhiger ist solch eine Szene wohl noch nie gezeigt worden.Selbst in diesen stark wirkenden Minuten gleitet der Film keine Sekunde ins Melodramatische ab. Das ist großes, ganz, ganz großes Kino, das trotz des heiklen Themas wunderschön ist und das man keinesfalls versäumen sollte. Ein Film, der beeindruckt, berührt und der nachwirkt.

Mehr kann Kino nicht leisten.

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