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Das Wunder von Star Wars: Das Erwachen der Macht – Filmkritik

Das Wunder von Star Wars - Das Erwachen der Macht FilmkritikEin Wunder: Star Wars wird weitererzählt. Allein diese Tatsache lässt die Ohren klingeln und den Pulsschlag steigen. Star Wars geht weiter. Die Geschichte tut, worauf alle seit 32 Jahren gewartet haben. Die Sehnsucht war groß – wie groß, zeigt die Überwältigung, die der Film im Zuschauer auslöst. Kritische Stimmen sind selten, abweisende fast nicht vorhanden. Dennoch eint etwas alle: Das Gefühl, wieder da zu sein. in der wohl größten Geschichte, die das Kino jemals erlebt hat. Allein das reicht für Überwältigung. Doch dann ist Star Wars: Das Erwachen der Macht zudem ein großer Wurf. Auch und gerade wegen mancher Dinge, die man kritisieren könnte.

Natürlich erzählt die Story den Plot von Star Wars von 1977 nahezu identisch unter anderen Vorzeichen. Originell ist das in der Tat nicht. Aber ganz ehrlich: Star Wars ist nicht der Ort für Originalität. Und was ein Ausscheren auslösen kann, hat George Lucas mit seiner Prequel-Trilogie Episode I – III selbst vorgemacht. Star Wars ist nicht der Ort für Änderungen und Hinzufügungen oder gar andere Sichtweisen.

Es ist nicht so, dass es nur die Fans sind, die Altbewährtes sehen wollen. Es ist die Geschichte selbst, die einfach nicht auserzählt wurde, bevor man sich an die Prequels machte. Es gab und gibt da einfach noch zu viel, das gezeigt und gesagt werden muss. Star Wars ist kein Kinomärchen und auch keine Erzählung im klassischen Sinn – sondern eine Mythologie. Sie entwickelt sich in ihrer Welt weiter, nicht in anderen. Sie verträgt keine Variation, weil sie als Mythologie selbst viel zu groß ist. Nach jedem Film hat man das Gefühl, dass da noch viel mehr ist. In dem gewohnten Setting, dem gewohnten Universum.

Das Erwachen der Macht bringt all dies wieder zurück. Mit einem Schlag und meisterhaft. Die Geschichte des Films ist so einfach wie antiquiert, und selbst die neunmalklugen Digital-Junkies stört es nicht, dass Geheimpläne in Robotern stecken, um eine Karte zu vervollständigen, statt sie doch mal eben einfach über eine Art Internet herunterzuladen oder Server zu hacken.

Nein, bei Star Wars ist alles beim Alten und das ist gut so. Alles andere funktioniert auch nicht. Das ist der Grund, weswegen Das Erwachen der Macht so ein Triumph ist. Der Film erzählt konsequent weiter, belebt das bekannte Universum und greift sogar in der technischen Umsetzung auf Altbewährtes zurück. Bauten und Ausstattung, so weit es geht, und kein überbordender CGI-Wahnsinn wie in Episode I – III oder den neuesten Superhelden-Prügel-Orgien.

Star Wars: Das Erwachen der Macht ist erfreulicherweise gutes Erzählen in Reinkultur, das es gar nicht nötig hat, originell zu sein. Damit befriedigt es zwar vordergründig vor allem die Sehnsucht der Fans, bleibt aber vor allem den Prinzipien des Genres und der notwendigen Erzählstruktur verpflichtet. Überhaupt biedert Star Wars sich nicht an. Selbst die Ähnlichkeit des Plots zum Original ist logisch. Zeiten ändern sich, Mechanismen aber selten. Vieles kehrt einfach wieder, auch wenn es gescheitert sein mag. Geschichte wiederholt sich, hier wie dort.

Lucas Prequels wechselten fatalerweise das Genre. Wo anno 1977 – 1983 die Massen in Fantasy-Märchen im SF-Gewand strömten, mussten sie 1999 – 2005 plötzlich in SF sitzen, der alles Märchenhafte wegerklärt wurde. Sechs Stunden Erklärungen, wie alles kam, was man kennt: das war klinisch, technisch, kalt.

Doch 2015 ist die Welt wieder in Ordnung, die Macht ist die Macht, die Jedi die Jedi, hier wird gar nichts erklärt und begründet, sondern ein Abenteuer erzählt – Punkt, Ende, aus. Dem zuzusehen, macht nicht einfach Spaß, es ist eine Freude.

Was Star Wars im Gesamten ausmacht, sind die Charaktere. Star Wars 1977 nahm sich Zeit für Charaktere, Das Erwachen der Macht nimmt sich ebenso Zeit. Die Figuren Rey und Finn werde glaubhaft wie liebevoll eingeführt, dass sie funktionierende Träger der Geschichte sind. Und BB8, der wohl süßeste Roboter der Filmgeschichte macht sogar R2-D2 vergessen.

Es war eine hervorragende Entscheidung, mit Lawrence Kasdan den Drehbuchautor zurückzuholen, der auch die Scripts zu Das Imperium schlägt zurück, Die Rückkehr der Jedi-Ritter sowie Jäger des verlorenen Schatzes schrieb. Ein Kenner zum einen, ein Altmeister zum anderen. Einer, dessen Drehbücher und Regie-Arbeiten lange Zeit zum Besten Hollywoods gehörten.

So ist es vor allem das Timing, das vielen Filmen immer wieder das Genick bricht, in Das Erwachen der Macht indes perfekt ist. Hier ist nicht nur alles im Fluss, sondern auch im Einklang. Mit sich, aber auch mit seinen Vorgängern. In dieser Hinsicht ist Das Erwachen der Macht geradezu ein Meisterstück.

Regisseur J. J. Abrams hat hier alles richtig gemacht. Und übrigens auch Disney. Das Studio hat Abrams an seinen sonstigen Geheimniskrämerei-Eskapaden gehindert, die vor allem Star Trek – Into Darkness das Genick gebrochen haben. Ja, falsches Marketing schadet Filmen, die es selbst gar nicht verdient haben.

Disney hat es meisterhaft verstanden, die Mythologie zu erwecken, und somit ist Das Erwachen der Macht auch ein Erwachen der Macht des richtigen Marketings. Eines, das einem zwar gnadenlos das Geld aus der Tasche zieht, aber den Kunden das Gefühl gibt, ihnen ein Stück eines heißgeliebten Universums zu verkaufen. Das ist nicht geschmacklos, sondern eine äußerst gekonnte Ausweitung einer Phantasie auf den Alltag. Dass dabei Milliarden fließen: Na und? Hier sind die Kunden fast schon glücklicher als die Marketingleute und Produzenten, die daran verdienen. Das Zusammenspiel verdient in der Tat Hochachtung.

Regisseur J. J. Abrams übrigens fährt hier zur wahren Größe auf. Auch wenn er schon immer ein Wunderkind war und sich als Geschichtenerzähler nicht mehr beweisen musste, so liefert er mit Das Erwachen der Macht dennoch endgültig das Werk ab, das ihn zu einem der ganz Großen macht. Star Wars ist mehr sein Zuhause als Star Trek, das merkt man daran, wie gekonnt er die Magie auf Leinwand überträgt, die in Star Wars steckt. Das geht über kalkuliertes Befriedigen von bloßen Bedürfnissen einer Zielgruppe weit hinaus, und das merkt man dem Film auch an. Abrams stellt sich in den Dienst eines kompletten Universums, durch das er selbst jahrelang streunen und staunen würde, wenn er könnte. Er transportiert nicht nur nostalgische Gefühle der alten Fans, sondern bringt meisterhaft ein Sehnen nach der im Film vergangenen Zeit auch denjenigen nahe, die neu in diesem Universum sind.

Zuletzt wäre Star Wars natürlich nichts ohne seine Filmmusik. Wie wohl überhaupt kein anderer Film der gesamten Kinogeschichte wird der Film und die Serie von Musik geprägt. Was John Williams für Star Wars 1977 und Das Imperium schlägt zurück 1981 auf den Weg gebracht hat, ist derart monolithisch, dass es wohl niemals einen Film geben wird, der in musikalischer Sprache der Serie das Wasser reichen kann. Nicht nur, dass gerade der Score des ersten Films 1977 einen Oscar gewann; die Musik selbst wurde ein Charakter, charakterisierte Figuren und wurde ein eigenständiger Charakter, ohne den die Serie nicht auskommen kann.

Und natürlich schrieb John Williams auch diesmal den Soundtrack. Dabei vermisst man in der Tat die Eingängigkeit eines Imperial March oder des Force-Themes. Es fehlen diese Meilenstein-Melodien, die klingen, als habe es sie schon seit Anbeginn der Zeit gegeben. Doch die Stärken des Scores sind eher die ruhigen, kleinen Stücke. Vor allem das Rey-Thema ist großartig und trägt den Film.

Für Das Erwachen der Macht ist wohl eine neue Bezeichnung angemessen: Reset.

Nach Sequels, Prequels, Spin offs und Reboots markiert der Film ein Zurückkehren zu alten Tugenden und Erzählweisen zugunsten der Erzählung selbst. Das kann wie in diesem Fall ein Sequel sein (wobei das Wort Fortsetzung eigentlich ein viel schöneres Wort ist), aber auch ein Reboot, was Das Erwachen der Macht ein Stück weit ebenfalls ist. Es wischt Episode I – III mit Inhalt, Erzählweise, Optik und Technik einfach vom Tisch und macht einfach weiter, ohne sich dem Zwang einer Neuinterpretation zu unterwerfen. Das sind Punktsiege ohne Ende.

Die 32 Jahre Warten haben sich nicht gelohnt. Sie waren es verdammt noch mal wert.

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